"Da wo Musik ist, ist niemals Einsamkeit"

16. März 2015 - 13:58 Uhr

Hannover (mh) – Wenn Pianist Alfred Chen mit Fäusten, Ellbogen und Füßen in die Tasten des Flügels haut, steht das Publikum förmlich Kopf. "Das ist keine Musik, das ist Hampelmännerei", echauffiert sich ein älterer Herr, der das Klischee eines Klassik-Hörers perfekt zu bedienen scheint. Schon offenbart sich das Dilemma: Einerseits das Festhalten-Wollen und nicht Loslassen-Können am tradierten Konzertbetrieb, andererseits die radikale Erkenntnis einer unvermeidlichen Veränderung. Da kollidieren Welten.

Pianistin Elisabeth Brauß

Pianistin Elisabeth Brauß

Was der Konzertbesucher und Klassikliebhaber aber nicht weiß, ist, dass es den Interpreten gar nicht anders ergeht: "Als ich die Noten das erste Mal in der Hand hatte, dachte ich 'Oh mein Gott, Mist, Scheiße'. Es erschienen mir rein mathematische Strukturen, ein Gewusel von Tönen. Ich war stinksauer, dass ich überhaupt keinen Bezug zu dem Stück herstellen konnte", berichtet einer der zwölf Stipendiaten, die der Film JUNG+PIANO im Rahmen des TONALi13-Wettbewerbs auf ihrer musikalischen Reise begleitet.

Eine Reise, von der die jungen Erwachsenen selbst noch nicht wissen, wohin sie führt. Für viele der 16- bis 21-jährigen Pianisten war das musikpädagogische Konzept des Wettbewerbs gewöhnungsbedürftig. Plötzlich sollte die eigene Leidenschaft zur klassischen Musik nicht nur über das virtuose Spiel sondern auch über das gesprochene Wort Ausdruck finden und dem Zuhörer weitreichendes Hintergrundwissen vermitteln. Denn noch immer haftet der Klassik ein elitär-intellektuelles Gewand an, das sie nicht abzuwerfen vermag. Wie aber kann sich die klaffende Lücke zwischen altertümlichem Image und der Dringlichkeit nach jungem Publikum schließen?

Was potentielle Zuhörer und die Teilnehmer des unkonventionellen Wettbewerbs eint, ist die Scheu vor dem Unbekannten: "Ich will da nicht hin und ich hab keine Ahnung, was mich erwartet", sträubte sich Pianistin Sophia Weidemann vor dem gemeinsamen Vermittlungs-Workshop. "Ich hatte gemischte negative Gefühle dagegen, weil ich immer Angst hatte, wenn ich etwas moderieren musste. […] Das war für mich viel schlimmer als zu spielen", berichtet auch TONALi13-Stipendiat Josef Frei. Immer wieder sensibilisiert Regisseur Oliver Gieth subtil für den Prozess des Hin- und Hergerissen-Seins. Trotz der fühlbaren Ungewissheit, wagen die jungen Erwachsenen etwas Neues, lassen ihre Zweifel hinter sich.

Durch die Etablierung des Konflikts als gemeinsame Basis erzeugt JUNG+PIANO auf sehr feinfühlige Weise ein Identifikationspotential zwischen Musikern und Zuschauern: Die Ungewissheit verliert ihren Katastrophencharakter, wenn man sie teilt. Dass Musik, abgesehen von allen stereotypischen Genregrenzen, diese Teilhabe ermöglicht, fasst die Gewinnerin des Wettbewerbs, Elisabeth Brauß, zusammen: "Wenn ich auf die Bühne gehe, gehe ich niemals ins Ungewisse. Da wo Musik ist, ist niemals Einsamkeit."

(Von Anne Reck)

JUNG+PIANO TONALi13 Grand Prix der Pianisten
Regie: Oliver Gieth
79 Minuten
Aries Images

Mehr zum Thema:

Weitere Artikel zum TONALi-Wettbewerb

Link:

http://www.tonali.de

© musik heute. Alle Rechte vorbehalten – Informationen zum Copyright

Mehr zu diesen Schlagwörtern: , , , , , ,
Print Friendly
Andere Beiträge