Vom Profi lernen: Bariton Thomas Hampson steckt Stipendiaten mit seiner Lied-Leidenschaft an

03. April 2015 - 09:39 Uhr

Heidelberg – Er stellt die Studentin vor einen Spiegel, bewegt ihre Arme wie die Flügel eines Vogels auf und ab. Dann lässt Bariton Thomas Hampson die junge Frau beim Singen ein paar Schritte vorlaufen und wieder zurück, ermuntert sie, in die Knie zu gehen. Das Publikum erlebt mit, wie sich Marie Seidlers Stimme verändert. "Jetzt ist es freier", sagt die 27-Jährige, die in Frankfurt/Main Gesang studiert. Aber auch ein bisschen dünner komme ihr die eigene Stimme nun vor. Hampson widerspricht: "Sie ist auf keinen Fall dünn." Dem 59-Jährigen liegt sein pädagogischer Auftrag am Herzen. "Die jungen Leute brauchen Unterstützung und Offenheit – und das biete ich an."

Thomas Hampson

Thomas Hampson

Seidler und fünf andere junge Gesangstalente haben ein Stipendium für die diesjährige Lied Akademie des Musikfestivals Heidelberger Frühling ergattert. Hier geht es um das Kunstlied, die Verbindung zwischen Musik und Literatur. "Ich habe mich schon von Anfang an mit dem Lied beschäftigt", sagt Seidler. "Für mich war das Liebe auf den ersten Blick." Ihr gefalle die Einheit von großer Musik und Lyrik. Nach Hampsons Unterrichtsstunde ist sie begeistert. "Ich fühle mich total inspiriert, ich kann das eigentlich gar nicht in Worte fassen."

Bei der Lied Akademie stehen Hampson und seine Stipendiaten unter Beobachtung: Bei den "Open Classes" sind Zuschauer dabei, wenn die jungen Sänger auf der Bühne von dem gebürtigen US-Amerikaner lernen. Gar nicht so einfach, das Publikum auszublenden, findet die Pariserin Elsa Dreisig: Immer und immer wieder lässt Hampson sie die Stelle "Im wunderschönen Monat Mai" aus der "Dichterliebe" singen. "Es ist sehr viel Druck, weil man es sehr schnell verstehen muss", sagt die 23-Jährige. "Das Publikum muss man versuchen zu vergessen und sich vorstellen, man sei allein mit dem Lehrer." Robert Schumanns Zyklus entstand zum Text von Heinrich Heine.

Hampson genießt die Lehrerrolle sichtlich. "Es ist sehr erfüllend und wohltuend, jungen Kollegen zu einer Erkenntnis zu verhelfen. Nach den Aha-Momenten bin ich süchtig", sagt der US-Amerikaner, der bereits in vielen Opernrollen brillierte und auch als Liedsänger einen hervorragenden Ruf hat. Die "Süddeutsche Zeitung" schrieb einmal über ihn: "Ein Stimm- und Bühnentalent wie Thomas Hampson kommt bestenfalls alle Jahrzehnte zutage." Besonders das deutsche Liedgut hat es ihm angetan. Deutsch lernte er in der Schule und ist seitdem fasziniert. "Ich liebe die deutsche Sprache, sie ist so reich und schön."

Lieder sind aus Hampsons Sicht für junge Sänger besonders zugänglich, weil die Geschichten einer solch starken Gefühlslage entspringen. Am Nachwuchs mangele es hier nicht, vielleicht schon eher am Publikum. Die Klassikwelt richte ihre Aufmerksamkeit stärker auf die Oper als auf das Lied. "Ein Lied ist auf jeden Fall intimer, weil es nur Pianist und Sänger gibt. Aber der Weg, die Technik, ist nicht anders."

Beim Heidelberger Frühling hat Hampson bereits zum achten Mal eine Klasse unterrichtet. "Das Erste, das ich wahrnehme von einem jungen Sänger, ist der Wille zum Ausdruck. Ob ein stimmlicher oder technischer Mangel da ist, ist mir egal – die Substanz der Stimme muss stimmen." Es gibt Jahr für Jahr viele Bewerbungen auf die wenigen Plätze, aber auch Empfehlungen von Fachkollegen. Zu den Stipendiaten aus den vergangenen Jahren hat Hampson noch losen Kontakt. "Wir haben sogar unsere eigene geschlossene Facebook-Community", sagt er. "Ich bin immer besonders froh und stolz, wenn einer von den Jungen tatsächlich seinen Weg findet."

(Von Christine Cornelius, dpa)

(wa)

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