Berlin (MH) – Mit Richard Strauss' Komödie "Die schweigsame Frau" hat Christian Thielemann die erste Neuproduktion seit seinem Amtsantritt als Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper präsentiert. Zugleich gab der Regisseur Jan Philipp Gloger sein Hausdebüt. Am Ende der nahezu ausverkauften Premierenvorstellung spendete das Publikum am Samstagabend langen, begeisterten Applaus.
"Die schweigsame Frau" kam erstmals im Haus Unter den Linden zur Aufführung. Gloger, ab der kommenden Saison Intendant des Wiener Volkstheaters, fokussiert sich in seiner Lesart des Werks auf die heute viel diskutierten – und eigentlich todernsten – Themen "Einsamkeit im Alter" und "Wohnungsnot".
Die selten gespielte Oper handelt von dem alten Griesgram Sir Morosus. In einem großzügigen Domizil, das man sich im bürgerlichen Westen Berlins vorstellen kann, lebt er weitgehend von der Welt isoliert. Der mit Strauss bestens vertraute Bass Peter Rose verleiht diesem Charakter eine große Tiefe.
Als der Neffe Henry, verkörpert von dem südafrikanischen Tenor Siyabonga Maqungo, mit einer temperamentvollen bunten Theatertruppe bei ihm einzieht, wird Morosus bald alles zu viel. Schnellstens muss eine Ehefrau her, die ihm durch ihr Schweigen den Seelenfrieden zurückbringen soll. Doch es kommt alles ganz anders, und ein übermütiges Verwechslungsspiel auf Kosten des Alten nimmt seinen Lauf.
Als Schauspielerin Aminta und Morosus' angebliche Angetraute zeigt die Sopranistin Brenda Rae, die eine äußerst herausfordernde Partie meistert, nicht nur komödiantisches Können. Das Täuschungsmanöver läuft als raffiniertes "Spiel im Spiel" ab. Aminta, in Wirklichkeit Henrys Frau, wird auch von Gewissensbissen geplagt, weil sie Morosus – einen einsamen, verletzlichen Menschen, der für sie Liebe empfindet – aus Loyalität zu Henry belügen und hintergehen muss.
Eine überragende Bühnenpräsenz zeigt der Bariton Samuel Hasselhorn als Barbier, der als Vertrauter des Hausherrn auftritt. Die Mezzosopranistin Iris Vermillion überzeugt in der Rolle der enttäuschten Haushälterin, die seit Jahren vergeblich versucht, Morosus für sich zu gewinnen. Schließlich fliegt das doppelte Spiel auf und es gibt ein Happy End.
Trotz der leichtfüßigen Handlung stellt "Die schweigsame Frau" die Sänger, die sich zwischen Parlando und Gesang hin und her bewegen, musikalisch vor so manche Herausforderung. Im Graben leitet der Strauss-Experte Thielemann die in schlanker Besetzung präsente Staatskapelle mit gewohnter Souveränität. Die höchst diffizile Partitur, in der die Musik teils in freie Tonalität übergeht, bringt er mit den Musikern expressiv und in vielen Nuancen zum Klingen.
Richard Strauss, einst selbst Generalmusikdirektor der Lindenoper, provozierte bei der Dresdner Uraufführung 1935 einen politischen Skandal. Da er darauf bestand, dass sein jüdischer Librettist Stefan Zweig auf Plakaten und Abendzetteln genannt wurde, blieben Hitler und andere Nazi-Größen der Vorstellung fern. Nach drei Wiederholungen verschwand die Oper in Deutschland in der Versenkung, und Strauss musste als Vorsitzender der Reichsmusikkammer zurücktreten.
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(ck/wa)
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