Berlin – Großprojekte, die aus dem Ruder laufen, verfolgen Klaus Wowereit seit Langem. Vor genau einem Jahr hat der SPD-Politiker sein Amt als Regierender Bürgermeister von Berlin abgegeben. Jetzt sitzt er wieder im Abgeordnetenhaus und soll erklären, wie es parallel zum Hauptstadtflughafen BER auch zur Kostenexplosion an der Staatsoper kommen konnte. "Die Dringlichkeit einer Sanierung war gegeben", sagt er recht entspannt am Freitag vor dem Untersuchungsausschuss. Kein Wort zu den jahrelangen Verzögerungen oder den inzwischen fast doppelt so hohen Baukosten im Vergleich zum Plan.
Wowereit wippt in der Vernehmung mit den Füßen, streicht sich durchs Gesicht, listet Zahlen auf und belehrt die Abgeordneten: Es sei ja nicht so, dass man sagen könne, man habe unendlich viel Geld. Bei den Wünschen der Staatsoper seien auch Abstriche gemacht worden – im Detail habe er die aber nicht mehr präsent, sagt Wowereit. Der 62-Jährige hat Kultur immer zur Chefsache gemacht, verhalf der Stadt zum Ruf einer internationalen Kulturmetropole. Einer seiner markantesten Sprüche: Berlin sei "arm, aber sexy".
Doch trotz der finanziellen Engpässe hat die Hauptstadt nun einen weiteren Bauskandal. Der Bund sagte zur Sanierung der Staatsoper zwar 200 Millionen Euro zu, auch ein Förderverein wollte Spenden liefern. Doch die Baukosten stiegen – und der Zuschuss des Bundes ist gedeckelt.
In der Vernehmung schiebt Wowereit vieles auf untere Behörden. "Wir haben auch auf meiner Ebene hauptsächlich die großen Entscheidungen, wie die Akkustikverbesserung, diskutiert." Die einzelnen Maßnahmen seien dann aber nicht mehr bei ihm besprochen worden, sondern in der Kultur- oder der Bauverwaltung.
Zumindest seit 2006 war Wowereit zwar neben seinem Bürgermeisteramt auch selbst Chef der Kulturverwaltung. Trotzdem bittet er die Abgeordneten, bei Details seinen damaligen Kulturstaatssekretär André Schmitz zu fragen. In der gut dreistündigen Vernehmung beruft sich Wowereit auf "unterschiedliche Zuständigkeiten" und stellt klar, gegen den Fund historischer Pfähle, die den Bau verkomplizierten, "können Sie ja gar nichts machen".
Der morastige Untergrund auf der Baustelle erschwerte die Arbeiten ebenfalls. Doch die Staatsoper meldete zudem besondere Wünsche an. Ein unterirdischer Tunnel wurde gebaut, um Kulissen nicht mehr über die Straße schieben zu müssen. Die Decke im Saal wurde mehrere Meter erhöht, damit die Musik länger nachklingt. Generalmusikdirektor Daniel Barenboim ging es "nur um die Musik", wie er bei seiner eigenen Vernehmung im Untersuchungsausschuss erklärte. Ließ Wowereit ihn gewähren?
Gutachter hätten gesagt, die Verlängerung des Nachhalls auf 1,6 Sekunden sei machbar gewesen, sagt Wowereit dazu. "Deshalb hatten wir auch keinen Zweifel daran, dass das möglich ist." Der Wert sei ein Kompromiss gewesen, man habe nicht – wie von Barenboim gewünscht – 1,8 Sekunden umgesetzt.
Immer wieder amüsiert sich Wowereit über Fragen, stützt den Kopf auf die Hand, lässt Abgeordnete auflaufen. Als er 2006 Kultursenator geworden sei, seien viele Fragen nicht geklärt und durchdacht gewesen. Als Ersatzspielstätte für die Staatsoper sei etwa ein Zelt angedacht gewesen, "ohne Garderoben". Die Pläne nennt er "abstrus". Wowereit sagt in der Vernehmung auch immer wieder, er habe darauf gedrängt, Zeitverzögerungen bei der Sanierung wieder aufzuholen. Man habe auch versucht, die Auslagerungszeiten "im Interesse der Oper" so gering wie möglich zu halten.
"Im Interesse der Oper", wiederholt da der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses ebenso vielsagend wie skeptisch.
(Von Julia Kilian, dpa/MH)
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