Große Werke entdecken: Die Dreigroschenoper

04. April 2013 - 08:04 Uhr

Sonntag, 07. April 2013 / 17:05 – 18:00 Uhr
ARTE

Dokumentation (Deutschland 2011, Erstausstrahlung) Es war eines der erfolgreichsten Theater-Events des 20. Jahrhunderts: die Uraufführung der "Dreigroschenoper" von Bertolt Brecht und Kurt Weill am 31. August 1928 im Berliner Theater am Schiffbauerdamm, das noch heute als "Berliner Ensemble" unter der Leitung von Claus Peymann das Brecht-Erbe hochhält. Ben Becker, erprobter Brecht-Schauspieler, zwiespältiger Brecht-Verehrer und eingefleischter Berliner, macht sich auf, der Geschichte der Dreigroschenoper an den Originalschauplätzen nachzuspüren.

Dreigroschenoper

"Es ist das einzig nennenswerte Stück über den Kapitalismus", ist der ehemalige Wiener Burgtheater-Direktor Peymann überzeugt, "und daher ebenso wichtig wie aktuell!" Aber liegt in solch provokant-aktuellen Statements wie "Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?" oder "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral" wirklich das ganze Erfolgsgeheimnis begründet? War es nicht eher so, dass vor allem die Nähe zur leichten Schlagermuse und schenkelklopfenden Lustigkeit das Stück so populär machte?

Brecht beklagte selbst schon bald, dass der "Erfolg des Stückes, von all dem herrührt, was ich nicht wollte". Statt dass der Bürger sich in den korrupten Bühnenfiguren selbstkritisch wiedererkenne, amüsiere er sich köstlich. Brechts "Dialektisches Theater" – oder wie die Kritiker spöttisch sagten: "Zeigestock-Theater" – war insofern gescheitert. Aber es war eine der kommerziell-erfolgreichsten Niederlagen der Theatergeschichte.

Übrigens auch für Brecht: Enorme 25.000 Reichsmark kassierte er allein für die Filmrechte. Schon bald nach der Uraufführung war das Stück in 18 Sprachen übersetzt, waren mehr als 50.000 Textauszüge verkauft, veröffentlichten elf Plattenlabels die Hits und strickte Kurt Weill seine Musik eilig für alle Lebenslagen um: für den Konzertsaal, für den Fünf-Uhr-Tee, für die lustige Party, fürs Tanzvergnügen; Mackie-Messer-Puppen wurden vermarktet, und sogar eine Dreigroschenoper-Tapete wurde lizenziert. Das Gespann Brecht-Weill erwies sich als ebenso künstlerisch-genial wie geschäftstüchtig – eben "modern".

Ben Becker

Ben Becker unternimmt einen Streifzug durch Berlin und spürt der Entstehungsgeschichte der Dreigroschenoper nach. Er besucht die Originalstätten, findet eine aufregende Spur in einem Antiquitäten-Laden, durchlebt in Kaufhäusern und Cafés die Stimmung, in der sich in den 20er Jahren Brechts revolutionäres Talent entfaltete. Er stöbert in der Schmutzigkeit und den Schönheiten Berlins herum. Er besucht die letzte Wohnung Brechts, entdeckt dort Fotos von Proben und das Originalmanuskript. Und er entdeckt auf seiner Brecht-Reise durch den Dschungel der Großstadt ein ganzes Lager voller Puppen. Puppen, die genauso aussehen wie Mackie Messer oder Polly oder Peachum oder Seeräuber-Jenny.

Neben Ben Becker und Claus Peymann erlebt der Zuschauer in dem von Dreigroschenoper-Musik durchtränkten und durchaus amüsanten Film von Günther Klein auch den Brecht-Weill-Spezialisten und Musikwissenschaftler Joachim Lucchesi, der angesichts des Vorwurfs, Brecht habe große Teile seines Stücks aus anderen Dichtungen zusammengeklaut, zum Schluss kommt: "Gewiss, Brecht ist ein Plünderer. Aber das Entscheidende ist, dass er in einer Genialität plündert, die ganz große Kunst ist!"

(pt/wa)

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