Filmemacher Michael Wende: "Ich war selbst der Zuschauer" – Sein Film "Der Taktstock" erklärt das Dirigieren

26. Oktober 2011 - 08:04 Uhr

Mit dem Film "Der Taktstock" hat der Münchner Filmemacher Michael Wende seine Diplom-Abschlussarbeit an der Hochschule Deggendorf vorgelegt. Die inzwischen preisgekrönte Dokumentation erklärt auf anschauliche und unterhaltsame Weise die Arbeit von Dirigenten. Zu Wort kommen Musiker wie Jonathan Nott und ein animierter Taktstockbauer, gesprochen von Herbert Feuerstein. Im Interview mit dem Nachrichtenmagazin musik heute hat Michael Wende über die Entwicklung des Films gesprochen.

Michael Wende

musik heute: Wie sind Sie auf die Idee zu dem Thema gekommen?

Michael Wende: Mein Abschlussfilm sollte in jeden Fall ein Dokumentarfilm sein. Und ich wollte ein interessantes, inspirierendes Themengebiet wählen. Es sollte aber nicht nur mich beschäftigen, sondern viele Leute. Während der Suche nach einem geeigneten Stoff saß ich in einem klassischen Konzert, sie spielten Filmsoundtracks. Da entdeckte ich dieses kleine Männchen mit dem Taktstock in der Hand: Den Dirigenten.

Er dirigierte, was doch sehr imposant war, und ich denke, jeden im Saal fasziniert hatte. Aber irgendwann stellte ich mir die Frage: Was tut er denn nun eigentlich? Denn die Musiker schauten ihn nicht an, die hatten ja ihr Notenblatt. Mit diesem wunderbaren Halbwissen kam ich auf die Idee, eine Doku über Dirigenten zu machen. Denn so dumm war die Frage nach der Funktion eines Dirigenten gar nicht.

musik heute: Eine Frage, die sich auch der Taktstockbauer stellt. Dieser Zeichentrickfigur hat Herbert Feuerstein seine Stimme geliehen.

Herbert Feuerstein

Michael Wende: Herbert Feuerstein sagt dem Fernsehen leise Servus und konzentriert sich immer mehr auf Projekte mit klassischer Musik. Oft sind es Moderationen bei Konzerten, mit denen er dem Publikum die Klassik noch näher bringt und sie noch unterhaltsamer macht. Also der perfekte Mann für das, was ich mit ihm vorhatte: Er synchronisiert eine animierte Person, die Taktstöcke baut. Das ist einer der wichtigsten Bestandteile des Films. Zu Beginn des Films hasst die Figur übrigens die Dirigenten.

musik heute: In Ihrem Film erklären die Musiker komplexe Zusammenhänge, was Sie auf sehr anschauliche und verständliche Weise visualisieren.

Michael Wende: Wenn du vor deinem Schnittpult sitzt und schaust dein Interview an, zum Beispiel mit Jonathan Nott, dann erklärt er dir in vollen Zügen die große Kunst des Dirigierens. Das war auch für mich Neuland. Und es war sehr komplex und ging stark in die Tiefe – was toll ist. Doch manchmal musste ich zurückspulen und mir die Sätze nochmal anhören. Ich war im Grunde der Zuschauer selbst. Nur dass der dann später vor dem fertigen Film sitzt und ebenso mit dieser Komplexität der Dirigierkunst konfrontiert wird – aber nicht herumspulen kann. In meinem Film kann er das, denn ich tue es für ihn. Zudem schreibe ich die wichtigsten Punkte, die Nott zum Dirigieren sagt, quer übers Bild. Das ist einfacher und unterhaltsamer, ohne kindisch zu werden. Das hab ich natürlich nicht nur bei Jonathan Nott gemacht, sondern ständig im Film. Es ist auch nicht das einzige Stilmittel.

musik heute: Wie war die Zusammenarbeit mit den Musikern bei den Interviews?

Dirigent Jonathan Nott

Michael Wende: Ganz toll. Am Anfang war ich sehr aufgeregt. Schließlich saßen mir Musik-Größen gegenüber, denen ich nun scheinbar naive Frage stellte, wie: "Wozu brauchen Sie denn diesen Stab hier?". Aber wirklich alle waren unglaublich zuvorkommend und haben mir fantastische Antworten gegeben.

musik heute: Wie lange haben Sie insgesamt an dem Film gearbeitet?

Michael Wende: Die Idee hatte ich im Sommer 2008. Die Entwicklung des Drehbuchs und vor allem die Recherche sowie die Erlaubnis, beim Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerb filmen zu dürfen, dauerten bis Februar 2010. Im März 2010 war der Dreh beim Wettbewerb in Bamberg. Dann folgten der Schnitt, die Animation und die Komposition des elektronischen Klassik-Remixes. Ende des Jahres war der Film dann fertig.

musik heute: War "Der Taktstock" ein einmaliger Ausflug in die klassische Musik oder beschäftigen Sie sich damit weiter?

Michael Wende: Vor kurzem haben die Berliner Philharmoniker bei mir angerufen. Sie fanden "Der Taktstock" super. Also hab ich wenige Wochen später mit ihnen gedreht: Die Musiker in Slow Motion. Ein Drei-Minüter. Sie sehen, dass viele aus dem Klassik-Bereich nun auf mich zukommen, was ich toll finde. Denn in dem Bereich kann man noch sehr viel machen. Trotzdem werde ich nicht den Rest meines Lebens nur Klassik-Filme machen. Es gibt noch so viele andere Themen, die mich interessieren, inspirieren – und die viele Leute beschäftigen.

musik heute: Vielen Dank für das Interview.

Michael Wende: Es war mir eine Freude.

(Die Fragen stellte Wieland Aschinger.)

Das Bayerische Fernsehen sendet den Film am 27. Oktober 2011 um 23:40 Uhr.

http://www.der-taktstock-film.de/

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