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Sir Neville Marriner: I, CULTURE Orchestra "erinnert mich an meine Zeit als Student" – Erster Gastdirigent des europäischen Jugendorchesters

02. November 2011 - 12:49 Uhr

Der Dirigent Sir Neville Marriner ist der Erste Gastdirigent des europäischen Jugendorchesters "I, CULTURE Orchestra". Das Ensemble wurde aus Anlass der polnischen EU-Ratspräsidentschaft ins Leben gerufen. Es vereint 104 Musiker zwischen 18 und 29 Jahren, die aus Polen und mehreren seiner östlichen Nachbarländer stammen. Der 87-jährige Marriner begleitet das Projekt seit längerem. Vor dem ersten Konzert des Orchesters in der Berliner Philharmonie gab Sir Neville Marriner dem Nachrichtenmagazin musik heute das folgende Interview.

musik heute: Wie sind Sie zu dem Projekt "I, CULTURE Orchestra" gekommen?

Sir Neville Marriner

Sir Neville Marriner: Beinahe könnte man es als naheliegend bezeichnen. Ich fühle mich schon lange den polnischen Musikern verbunden. Ende der 70er Jahre haben wir mit der Academy of St. Martin in the Fields erstmals in Polen konzertiert. Seit dem sind viele gute Kontakte und Freundschaften entstanden. So wurde ich von den Organisatoren dieses wunderbaren Projekts angesprochen.

Vor allem hat mich die Idee überzeugt, dem Konzept von Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra zu folgen. In dem "I, CULTURE Orchestra" spielen unter anderem Musiker aus Aserbaidschan und Armenien zusammen. Ihre Länder sind seit langem verfeindet, deshalb geben unsere Künstler eine Geste der Verständigung. Das möchte ich unterstützen und vor allem den jungen Musikern das Erlebnis ermöglichen, in einem internationalen Orchester zu arbeiten.

musik heute: Wie unterscheidet sich die Arbeit mit einem Profiorchester von der mit einem Jugendorchester?

Sir Neville Marriner: Die jungen Leute gehen mit einer ungeheuren Freunde und Begeisterung an die Musik. Natürlich fehlt ihnen die Erfahrung eines etablierten Orchesters. Professionelle Musiker sind es zum Beispiel gewohnt, in dem einen oder anderen berühmten Konzertsaal zu spielen. Trotzdem bringen sie hervorragende Leistungen. Für unsere jungen Musiker dagegen ist es ein besonderes Ereignis in ihrem Leben, wenn sie in der Berliner Philharmonie oder der Royal Festival Hall in London auftreten. Mir ging es ja ähnlich, als ich das erste Mal in der Carnegie Hall gespielt habe. Da hatte ich erst einmal Respekt vor der Geschichte des Hauses – all die Musiker, die vorher dort gespielt hatten …

musik heute: Gibt es etwas, was man als so erfahrener Dirigent wie Sie von den jungen Musikern noch lernen kann?

Probe mit Sir Neville

Sir Neville Marriner: Oh ja! Vor allem erinnern sie mich an die Zeit, als ich Student war. Sie setzen sich mit den gleichen Schwierigkeiten auseinander, die ich damals zu bewältigen hatte. Inzwischen sind mir diese Sachen ganz selbstverständlich. Trotzdem musste ich sie selbst erst einmal lernen. Heute ist eine meiner Aufgaben, ihnen dieses Sachen zu erklären. Und ich merke, dass das manchmal gar nicht so einfach ist. Denn es sind eben keine 'Selbstverständlichkeiten'. Aber die jungen Musiker bringen extrem viel Energie mit, und das ist regelrecht ansteckend.

musik heute: Die Musiker des "I, CULTURE Orchestra" kommen aus verschiedenen Ländern Osteuropas. In welcher Sprache verständigen Sie sich mit ihnen?

Sir Neville Marriner: Die meisten von ihnen sprechen sehr gut Englisch, und es gibt Übersetzer. Aber am besten ist es sowieso, wenn wir uns mit Handzeichen verständigen. Vor allem wenn es um Gefühl und Ausdruck geht. Denn in der Musik sind die gesprochenen Wörter manchmal gar nicht ausreichend.

musik heute: Sie haben mit der Academy of St. Martin in the Fields den Soundtrack zu "Amadeus" gespielt. Das waren Originalstücke von Mozart. Davon waren viele Menschen begeistert, die sonst kaum klassische Musik hören. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Sir Neville Marriner: Die Menschen konnten sich mit der Figur des Amadeus identifizieren. Der Film und das Theaterstück, auf dem er basiert, rücken den Menschen Wolfgang Amadeus Mozart in den Mittelpunkt. Mit all seinen Problemen. Das Stück wird bis heute jede Woche in Theatern irgendwo auf der Welt gespielt. Und anschließend kaufen noch immer viele Zuschauer die Soundtrack-CD des Films.

musik heute: Die meisten Menschen sind froh, mit 65 Jahren in Rente zu gehen. Sie feiern dagegen das 70-jährige Jubiläum Ihrer musikalischen Aktivität. Was unterschiedet den Beruf des Musikers von anderen?

Sir Neville Marriner: Ich glaube, da gibt es keinen großen Unterschied. Wenn man eine Arbeit mit Begeisterung ausübt, gibt es einfach kein Halten. Bei der Musik kommt vielleicht noch hinzu, dass sie einen emotional sehr stark vereinnahmen kann. Zum Glück ist es mir körperlich noch möglich, meiner Arbeit – der Musik – nachzugehen.

musik heute: Trotzdem ist Musik Ihre Arbeit. Wie entspannen Sie sich von der Arbeit?

Sir Neville Marriner: Ich wohne in einem Haus im Südwesten Englands, weit weg von den nächsten Häusern. Das Leben auf dem Land, in der Natur ist an sich schon sehr entspannend. Und ich freue mich immer, meine Kinder und Enkel zu treffen. Nur im Winter ist so ein Haus in der Abgeschiedenheit etwas unpraktisch – da gehe ich lieber auf Tournee.

(Die Fragen stellte Wieland Aschinger.)

http://orchestra.iam.pl/en

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