Rossinis "Guillaume Tell" in Hamburg: Scharfe Buhrufe im Premierenapplaus

07. März 2016 - 11:43 Uhr

Hamburg – Mit einer Neuproduktion von Rossinis Freiheits-Oper "Guillaume Tell" suchte die Hamburger Staatsoper einen frischen Blick auf das um den Schweizer Gründungsmythos kreisende Meisterwerk. Der durchschlagende Erfolg blieb am Sonntagabend jedoch aus. In den Premierenapplaus mischten sich scharfe Buhrufe.

Guillaume Tell

Guillaume Tell

Die Hochzeitsfeier der drei Schweizer Brautpaare aus dem malerischen Kanton Uri hatte nicht einmal begonnen, da torkelte die gesamte ländliche Fest-Gesellschaft bereits sturzbetrunken und zur Groteske verzerrt über die Bühne. Dabei muss nach der zauberischen Ouvertüre von Rossinis französischsprachiger Grand Opéra doch erst einmal das schöne Idyll Schweizer Natur- und Lebensbilder aufleuchten. Denn allein auf dieser anmutigen Folie kann Tells Befreiungskampf von den Habsburger Besatzern seine ganze Brisanz entfalten – samt dramatischer Love-Story, Rütli-Schwur und Apfel-Schuss.

Doch der Schweizer Theatermann Roger Vontobel wollte es bei seiner ersten Opern-Regie offenbar anders, wüster und trashig-trivialer. So musste sich der alte Patriot Melchtal gleich mit Atemgerät auf die Bühne schleppen, während die Soldateska des Tyrannen Gessler ihre Plastik-MPs schwang. Kunstnebel-Schwaden ohne Ende und Sinn verkleisterten Rossinis berückend konstruierten Opern-Bau.

Vontobels Inszenierung überzeugte nur in wenigen, dichter gefügten Szenen. Ansonsten häuften sich läppische Klischees und hohle Standbild-Arrangements ohne klaren Erkenntnisgewinn. Das programmatisch auf die Bühnenwand projizierte, später schwarz übermalte Gemälde "Die Einmütigkeit" des Schweizer Malers Ferdinand Hodler schien im Grunde nur ein Vorwand, die Verschwörer unentwegt ihre Arme gen Himmel recken zu lassen.

Zu Rossinis hymnischem Finale wurden die siegreichen Schweizer gar als geifernde Mordbande gezeigt, quasi als "Restauratoren" der Schreckensherrschaft. Das klang wie Hohn. Auch der italienische Altmeister Gabriele Ferro bewegte sich am Pult der Philharmoniker nicht immer auf Augenhöhe mit Rossinis wirkmächtiger Partitur, an die Verdi und Wagner hörbar angedockt haben. Mehr Bravour, Farbe und rhythmische Eleganz hätten dem Dirigat gutgetan.

Hinreißend in ihren Ausdruckskünsten sang die junge chinesische Sopranistin Guanqun Yu die Habsburger Prinzessin Mathilde. In der ebenso virtuosen Partie des Arnold brillierte der Koreaner Yosep Kang mit Verve und tenoraler Durchschlagskraft. Sergei Leiferkus als Tell stieß dagegen an seine Grenzen. Beifall gab es vor allem für die Sänger und den von Eberhard Friedrich hochmotivierten Staatsopern-Chor.

(Von Barbara Sell, dpa/MH)

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