Eisensteins "Iwan der Schreckliche" erstmals mit Originalmusik aufgeführt

17. September 2016 - 15:29 Uhr

Berlin (MH) – Sergej Eisensteins "Iwan der Schreckliche" hat am Freitagabend eine Weltpremiere als musikalisch-filmisches Gesamtkunstwerk erlebt. Beim Musikfest Berlin wurde der Klassiker (1942-45) erstmals mit der live gespielten Originalmusik von Sergej Prokofjew in voller Länge aufgeführt. Frank Strobel dirigierte das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB), Gesangssolisten und den Rundfunkchor Berlin. Synchron dazu wurde der Film auf einer Leinwand im Großen Saal des Konzerthauses gezeigt.

Frank Strobel

Frank Strobel

Eisensteins theatralische Bildsprache steigert sich durch die Musik zu höchster Intensität. Mit mächtigen Klängen und feierlichem Glockengeläut untermalt das Orchester die Krönung von "Iwan dem Schrecklichen" zu Beginn des rund dreistündigen Films. Liturgisch anmutende Gesänge des großartigen Rundfunkchors Berlin rufen eine mystische Atmosphäre hervor. Die nachfolgenden Massenszenen während der Eroberungsfeldzüge des Zaren, die Intrigen der mit ihm verfeindeten bojarischen Großgrundbesitzer und der heimtückische Giftmord an seiner Frau erhalten durch Prokofjews "Soundtrack" opernhafte Dimensionen.

Während Protagonisten wie Iwan (Nikolai Tscherkassow), die Zarin Anastasia (Ljudmilla Zelokowskaja) oder deren Mörderin Jefrosinia (Serafima Birman) mit weit aufgerissenen Augen durchdringend von der Leinwand blicken, verschlankt Prokofjew den wuchtigen Klang zu kammermusikalischer Intimität, um innere Gefühlsregungen zu porträtieren. Unter den Solisten sind vor allem die Altistin Marina Prudenskaja und der Bass Alexander Vinogradov hervorzuheben, die ihre Rollen in herausragender Weise interpretierten. Das Publikum spendete zum Schluss begeisterten Applaus.

Strobel, ein ausgewiesener Experte für Filmmusik, leitete die Rekonstruktion von Prokofjews Komposition, die beim Hamburger Musikverlag Sikorski in einer neuen Ausgabe erschienen ist. Die ursprüngliche Orchesteraufnahme, die große technische Mängel aufwies, wurde in einem aufwendigen Verfahren aus der Tonspur des während des Zweiten Weltkriegs entstandenen Films herausgefiltert.

Am 7. November zeigt der Fernsehsender ARTE ab 23:10 Uhr einen kombinierten Film-Konzertmitschnitt. Bei musikalisch besonders prägnanten Szenen werden Eindrücke von der Aufführung im Konzerthaus eingeblendet.

(Von Corina Kolbe)

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