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Eisensteins "Oktober" mit Live-Filmmusik auf der Berlinale

07. Februar 2012 - 15:51 Uhr

Die rekonstruierte Fassung von Sergej Eisensteins "Oktober" erlebt bei den diesjährigen Berliner Filmfestspielen ihre Premiere. Der 1928 uraufgeführte Film wird vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Frank Strobel live begleitet. Die Sondervorführung ist Teil der Berlinale-Retrospektive "Die rote Traumfabrik". Der Film beschreibt die geschichtlichen Ereignisse von der Februar-Revolution bis zum Oktober 1917.

Szene aus "Oktober"

Die Musik zu "Oktober" ("Oktjabr") stammt von dem Komponisten Edmund Meisel. Er hat die kürzere deutsche Fassung ("Zehn Tage, die die Welt erschütterten") vertont, während der Film in Russland nur mit Kompilationen begleitet wurde. Meisel plante seine Musik "nach einem aufgezeichneten Steigerungssystem, das die fortschreitende Handlung unterstreichen soll". Das Resultat ist eine höchst innovative Filmmusik, die mit ihrer geräuschhaften Klanglichkeit und Rhythmisierung wie ein Vorbote der Punk- und Technomusik wirkt. Bei der Berliner Premiere im April 1928 sorgte sie für lautstarke Kontroversen.

Regisseur Sergej Eisenstein hatte zum 10. Jahrestag der Oktoberrevolution einen Jubiläumsfilm geschaffen, der auch in ästhetischer Hinsicht radikal neue Maßstäbe setzte. Mit Hilfe der "intellektuellen Montage" stellt der Film die historischen Ereignisse als einen explosiven Prozess der Befreiung aus langer Unterdrückung dar. Dadurch fiel er jedoch unter das berüchtigte Formalismus-Verdikt, mit dem fast alle Produktionen der Filmavantgarde in den sowjetrussischen Kinos verboten wurden.

Jahrzehntelang blieb der Film unter Verschluss. Seine authentisch anmutenden Revolutionsbilder wurden aber – in Ermangelung von Originalaufnahmen – häufig wie Dokumentarmaterial genutzt. Mitte der 60-er Jahre erstellte das Staatliche Filmarchiv Gosfilmofond eine fundierte Rekonstruktion von "Oktober". Auf dieser Version basiert die neue digitale HD-Restaurierung des Filmmuseums München.

RSB unter Frank Strobel

Die Filmmusik von Edmund Meisel (1894-1930) ist die große Wiederentdeckung. Überliefert ist neben einigen Orchesterstimmen – hauptsächlich Streicher und Schlagzeug – der Klavierauszug der deutschen Verleihfassung. Der Mainzer Komponist Bernd Thewes hat sie nach Materialien aus dem Russischen Staatsarchiv und dem British Film Institute rekonstruiert und um 20 Minuten ergänzt. Mit der Vorführung am 10. Februar 2012 im Berliner Friedrichstadtpalast ist die Musik nach fast 85 Jahren wieder mit großem Orchester zu erleben.

Das Filmkonzert wird zeitgleich (21:00 Uhr) im Internet bei ARTE Live Web übertragen. Am 15. Februar 2012 zeigt ARTE den Film als deutsche-französische TV-Erstausstrahlung.

(wa)

Links zum Artikel:

http://www.arte.tv/de/690880.html/
http://www.berlinale.de/

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Eine kurze Geschichte der Filmmusik (von Frank Strobel)

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