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Der die Musik malt: Ferry Ahrlé – "Ein Tag ohne Malen oder Musik ist kein gelebter Tag"

05. März 2012 - 08:41 Uhr

Wenn wir an Beethoven denken, fällt uns natürlich zuerst seine Musik ein. Schnell haben wir aber auch ein Bild des Komponisten vor Augen: der energische Blick, die wilde Mähne – und die meisten werden jetzt an das Gemälde von Joseph Karl Stieler denken. Schon immer haben uns Maler auch die Musiker näher gebracht – Maler wie Ferry Ahrlé. Schon kurz nach dem Studium hat er Dirigenten wie Wilhelm Furtwängler und Sergiu Celibidache, den Geiger Yehudi Menuhin oder die Pianistin Branka Musulin gezeichnet. Das war Ende der 1940-er Jahre, und seine Bilder zierten die Programmhefte der Berliner Philharmoniker.

Ferry Ahrlé

Die größten Musiker seiner Zeit zu malen und mit ihnen über seine Bilder zu sprechen, hat den jungen Ferry Ahrlé ziemlich beeindruckt. Noch heute erzählt er mit Begeisterung davon. Während der Konzertproben, die er in zwei Spielzeiten erlebte, konnte er die Musiker bei ihrer Arbeit beobachten. Dabei vertiefte sich seine Liebe zur Musik. "Und Wissen kam hinzu", sagte er im Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin musik heute.

"Nach Herzenslust drauflos pinseln"

Geboren wurde Ferry Ahrlé 1924 in Frankfurt/Main. Ein Jahr später zogen seine Eltern nach Berlin. Mutter Emi war Pianistin, Vater René zählte zu den Großen der Werbegrafik und schuf Plakate für Shell oder Mercedes Benz. Im Haus der Ahrlés gab es immer ausreichend Pinsel, Farben und große Bögen Papier. "So konnte ich als Kind nach Herzenslust drauflos pinseln", erzählte er. Häufig waren Schauspieler und Sänger zu Gast. "In dieser von Malerei, Schauspiel und Musik geprägten Umgebung wurden die Grundlagen für meinen späteren Beruf gelegt", ist er überzeugt.

Direkt nach der Schule begann Ahrlé sein Studium an der Berliner Akademie der Künste. "Durch den Schauspieler Paul Dahlke, unseren Nachbarn, bekam ich Kontakt zum 'Deutschen Theater'. Dann habe ich auch Schauspielunterricht genommen." Nach dem Studium zeichnete Ahrlé Porträts und Illustrationen für Zeitschriften, später kamen Schallplattencovers hinzu. Dass die junge Hildegard Knef zum verabredeten Zeichentermin noch im Schlafzimmer war, nahm er ganz gelassen: Kurzerhand porträtierte er sie im Pyjama. Mitte der 50-er Jahre zog er wieder in seine Geburtsstadt Frankfurt/Main. Hier entwarf er über 100 Plakate für Filme von Orson Welles, Ingmar Bergmann und andere, die heute Klassiker sind.

Straße in Paris

In den 60-er Jahren, lange nach dem Studium, trug sich Ahrlé an der Pariser "Academie Julian" ein. Denn wie er sagte: "Lernen kann man nie genug." Er zeichnete Stadtlandschaften quer durch Europa. Zurück in Deutschland widmete er sich den Themen Eisenbahn und Fliegen. "Das eine hat mich seit der Modellbahn in der Kindheit fasziniert, das andere habe ich als erwachsener Flugschüler entdeckt", erklärte Ahrlé, der bei weitem nicht nur auf Leinwand malt. Sein Wohnhaus etwa ist nicht nur von außen das bunteste der Stadt. Auch innen hat er selbst an den Decken keinen weißen Fleck gelassen. Sogar Mülltonnen hat er schon bemalt und für einen sozialen Zweck versteigert. Eine davon soll bei einem Käufer im Wohnzimmer stehen.

Und immer wieder Musik

Abwechslungsreich sind die Themen also, die Ferry Ahrlé in seinen Bildern darstellt. Dabei widmet er sich immer wieder der Musik, nicht nur in vielen der über 4.000 Porträts, die er in seinem Leben schon gemalt hat. Fantasievoll wie er ist, hat er das Porträtieren sogar noch weiterentwickelt. In verschiedenen Fernsehserien interviewte er Persönlichkeiten und zeichnete sie dabei – vor laufender Kamera. Darunter waren auch Musiker wie die türkischen Pianistinnen Güher und Süher Pekinel, der Geiger Yehudi Menuhin oder der Sänger René Kollo. "Nach jeweils einer halben Stunde war nicht nur das Bild fertig, sondern der Zuschauer hatte auch den Menschen näher kennengelernt", beschreibt Ahrlé sein Konzept. Interviewen und gleichzeitig Zeichnen und das Ganze im Fernsehen – heute würde man das "multimedia" nennen. Ferry Ahrlé hat es schon gemacht, als das Wort noch gar nicht erfunden war. Für seine Idee erhielt er beim Internationalen Film- und Fernsehfestival in New York den "Golden Award".

Schwinimiprissi, Beethoven

Wissen unterhaltsam zu vermitteln, das liegt dem vielseitigen Künstler einfach. In der Zeichentrickserie "Hab Bildung im Herzen" ließ er seine Figur "Schwinimiprissi" – einen freundlichen Herrn mit einem riesigen Zylinder – in die Vergangenheit reisen. Dabei konnte "Schwini" unter anderem miterleben, wie Beethovens 5. Sinfonie entstand: Zuerst klopfte das Bäckermädchen an die Tür – "Da – da – da – daaa!" -, dann der Postbote mit einem Brief von Schiller und am Ende ein Geldbote. In einer anderen Folge der Serie war es Herr Schwinimiprissi, der Johann Sebastian Bachs Treffen mit König Friedrich II. arrangierte.

Mit ebensolchem Augenzwinkern beschrieb Ahrlé das Leben des Komponisten Jacques Offenbach. Für das Fernsehen gestaltete er den Zeichenfilm "Offenbach in der Oberwelt". Daraus wurde anschließend eine Ausstellung, die durch viele Städte tourte. Und erneut entwickelte der Maler das Porträtieren weiter: "Ich habe den Komponisten nämlich selbst gespielt – in Kostüm und Maske", erzählte der Maler und Entertainer. "Das war im Restaurant 'Jacques Offenbach' der Frankfurter Alten Oper." Zudem gestaltete Ahrlé Ausstellungen wie "Mit Mozart auf Reisen" und "Mozartissimo" sowie einen Bilderzyklus zu den Opern von Richard Strauss. "Und mit meiner Kunstmappe 'Die Welt der Oper' habe ich den Wiederaufbau der Frankfurter Oper unterstützt."

Musik hören und sehen

In seinem Maleratelier fällt eine riesige Schallplatten- und CD-Sammlung auf. "Das Musikhören ist mir bei der Arbeit an der Staffelei sehr wichtig", erzählte er. "Da höre ich die besten Dirigenten mit den großartigsten Orchestern der Welt, die berühmte Komponisten spielen – der Technik sei Dank." Bei den Melodien kommen Ahrlé, dem Maler, Farben und Formen in den Sinn, ja ganze Bilder. Nach Konzerten skizziert er seine Eindrücke. Er lernt auch viel über die Komponisten und die Hintergründe ihrer Werke. Aus seinem Empfinden und Wissen entsteht "eine Bildsprache, mit der ich versuche, in die Welt des Komponisten und seines Werkes einzudringen", erklärte er.

Gemalte Musik

Schon in 20 großen Ölgemälden hat Ferry Ahrlé seine Vorstellungen über verschiedene Orchesterwerke dargestellt. Die Motive seiner "Gemalten Musik" reichen von Mozarts "Jupiter"-Symphonie über Schumanns Dritte, Bruckners Vierte und Mahlers Neunte bis zu den "Symphonischen Metamorphosen" von Paul Hindemith und Wolfgang Rihms "Schwebende Begegnung". Einen Auszug seines Bilderzyklus' "Musik gehört und gesehen" präsentiert er in einer Ausstellung vom 06. bis 16. März 2012 in der Frankfurter Bethmannbank.

Für seine Leistungen hat Ahrlé zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Unter anderem wurde ihm das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen sowie von der Republik Österreich das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst. Und die Stadt Frankfurt/Main, deren Oberbürgermeister er beinahe einmal geworden wäre, verlieh ihm 1984 die Ehren- und 2004 die Goethe-Plakette.

Malerei, Musik und seine fröhliche Neugier auf Menschen halten den 87-Jährigen jung. "Ein Tag ohne Malen oder ohne Musik ist für mich kein gelebter Tag. Aber das Wichtigste ist, dass beides Spaß macht", sagt der Künstler. Deshalb hat er immer wieder neue Zukunftspläne. Für das Berliner Restaurant "Augustinerbräu am Gendarmenmarkt" setzt er "Die Welt des "Bruder August" in Acryl fort. Außerdem arbeitet er an Bildern über den Traum vom Fliegen, von Vergil bis Otto Lilienthal. "Unter dem Titel 'Mir werden Flügel wachsen' sind sie ab 31. Mai im Holiday Inn am neuen Berliner Flughafen zu sehen – pünktlich zu dessen Eröffnung", verriet Ahrlé.

(Von Wieland Aschinger)

Link:

http://fa-ferry-ahrle.de/

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