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"Eugen Onegin" in Frankfurt: Große Gefühle ohne wahre Liebe

21. November 2016 - 12:23 Uhr

Frankfurt am Main (MH) – "Eugen Onegin" an der Oper Frankfurt besticht als überragendes Gesamtkunstwerk: Mit den Debütanten Daniel Schmutzhard und Sara Jakubiak als Idealbesetzungen der Hauptrollen, mit der engagiert vorgetragenen Tonsprache Tschaikowskis, dem überwältigenden Bühnenbild von Katja Haß und der packenden Personenregie Dorothea Kirschbaums. Was will man mehr?

"Eugen Onegin"

"Eugen Onegin"

Einige Premierenbesucher im ausverkauften Haus wollten am Sonntagabend zumindest etwas anderes. Mitten in den frenetischen Schlussjubel mischten sich Buhrufe für das Leitungsteam. Warum, ließ sich zwar nicht feststellen, es darf aber spekuliert werden. Im Konzept des niederländischen Regisseurs Jim Lucassen, der kurz vor der Premiere schwer erkrankte und von seiner Assistentin Dorothea Kirschbaum bestens vertreten wurde, wird Tschaikowskis Werk in den letzten Jahrzehnten vor dem Mauerfall im sowjetischen Ostblock angesiedelt, einer Zeit großer gesellschaftlicher Umbrüche.

Die bücherlesende Tatiana sitzt also anfangs nicht auf der Veranda des mütterlichen Gutshofes, sondern mitten in einem Ambiente, das dem Ost-Berliner "Café Moskau" samt sozialistisch-realistischem Heldenmosaik verdächtig ähnelt. Auf der Rückseite der schmucken, dreidimensionalen Wand machen sich singende Bäckerkolonnen (eigentlich Ernte einfahrende Bauern) über ihre Teigbrocken her, beaufsichtigt von Gutsbesitzerwitwe Larina (Barbara Zechmeister).

Die prächtigen Ballszenen des letzten Aktes verlegt Lucassen gar in eine düstere Wartehalle, in der die schwarz gekleidete höhere Gesellschaft wie eingesargt agiert – auch ohne den kunstvoll ziselierten goldenen Käfig, der sie umgibt. Das Scheitern der sowjetischen Versprechen am Beispiel von Puschkins Versroman zu zeigen, der dieser "lyrischen" Szenenoper Tschaikowskis zugrunde liegt, gefällt offensichtlich nicht allen. Opulente Roben, adliges Flair und verschwenderische Details aus dem zaristischen Russland sucht man bei Lucassen jedenfalls vergebens.

Dafür legt er umso mehr Gewicht auf das Herausarbeiten der menschlichen Konflikte: auf das übertriebene Schwärmen der realitätsfernen Tatiana und das kalte Dandy-Verhalten von Außenseiter Onegin. Die zutiefst berührende Briefszene, in der Sara Jakubiaks Tatiana ihren Mangel an echt empfundener Liebe offenbart, glänzend assistiert vom streicherseligen Idealismus durch Sebastian Weigle im Orchestergraben, zeitigt zu Recht einen gefühlt minutenlangen Zwischenapplaus. Und der hohe, schlagkräftige Bariton Daniel Schmutzhards, der bereits eine imposante Saison in Frankfurt startete, trifft den Charakter des lieblosen Lebemanns und Frauenverführers punktgenau.

Große Wirkung entfaltete auch die Duellszene, hier mit handelsüblichen Pistolen ausgetragen und inszeniert wie ein prickelnder Tatort-Thriller. Der später getötete Duellant Lenski, mit intensivem Tenor gesungen von Mario Chang, entwickelte dabei eine umwerfende, emotionale Wucht, während Judita Nagyová als seine lebenslustige Verlobte Olga rundweg überzeugte. Elena Zilio in ihrer Paraderolle der mitfühlenden Amme Filipjewna beeindruckte als beinahe klischeehafte Inkarnation des gramgebeugten "Mütterchen Russland". Großes Lob ist auch Tilman Michael und dem textsicher intonierenden Frankfurter Opernchor zu zollen.

Überhaupt: Diese riesige Produktion auf Russisch und fast ausschließlich mit Ensemblemitgliedern gestemmt zu haben, zeigt das Frankfurter Haus in künstlerischer Bestform.

(Von Bettina Boyens)

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