Intendant des Kissinger Sommers: "Persönlichkeiten statt Glamour"

16. Juni 2017 - 12:18 Uhr

Bad Kissingen – Wenn man nach drei Jahrzehnten die künstlerische Leitung eines Festivals übernimmt, birgt das viele Chancen. Aber eben auch Risiken. Der Musikwissenschaftler Tilman Schlömp ist nun in dieser Rolle. Nachdem 30 Jahre lang Kari Kahl-Wolfsjäger am Ruder war, ist Schlömp jetzt der Kapitän. Komplett umwälzen will er das Festival nicht, eine neue Note soll der Kissinger Sommer dennoch bekommen.

Frage: Sie haben nach 30 Jahren ohne Wechsel die Intendanz des Kissinger Sommers übernommen. Was wussten Sie vorher von dem Klassikfestival?

Tilman Schlömp

Tilman Schlömp

Antwort: Ich hatte mir 2015/2016 schon Konzerte angehört und war von dem gesamten Künstlerspektrum sehr begeistert. Das trifft auch meine Wunschvorstellung, dass man gute Musik auch mit tollen Künstlern vermittelt.

Frage: Hatten Sie dabei auch gleich Dinge im Kopf, die Sie verändern wollen?

Antwort: Es war schon immer ein Festival der Stars. Ich möchte den Begriff aber gern wegbringen von dem möglichen Negativ-Image. Es geht nicht nur um Glamour. Mir ist es ganz wichtig, dass wir echte Künstlerpersönlichkeiten haben, die sich ganz genaue Gedanken zu ihrem Programm gemacht haben. Die Arbeit von Kari Kahl-Wolfsjäger war ein absoluter Ansporn. Nun möchte ich ein paar andere Künstler reinbringen, die individueller und moderner sind. So wie die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, die für ein zeitgemäßes Musikmachen steht.

Frage: Wie wollen Sie das schaffen, ohne das Stammpublikum zu verprellen?

Antwort: Indem man nicht alles verändert. Aber doch versucht, den Geist der Zeit zu erfassen und das Publikum von heute anzuziehen. Wir bieten für unsere älteren Stammkunden weiterhin sehr viel schöne Musik an. Trotzdem versuchen wir, über spannende neue Konzertformate und Education-Projekte zu zeigen, dass Klassik nicht verstaubt oder eine Kunst für die oberen Zehntausend ist. Sondern, dass es einfach tolle Musik ist.

Frage: Haben Sie künstlerisch eher freie Hand oder enge Vorgaben?

Antwort: Ich habe sehr viel freie Hand. Das Gerüst, das einen einengt, sind die Finanzen. Man muss sich immer darüber im Klaren sein, dass bestimmte Konzerte, wie die Bildungskonzerte, einfach Geld verbrennen. Dass das also eine Mischkalkulation ist, bei der am Ende ein Defizit übrig bleibt. Ein Festival dieser Art kann nicht alle Netrebkos und Mutters dieser Welt einkaufen.

Frage: Warum sind Ihnen die Education-Projekte so wichtig?

Antwort: Wir versuchen ganz bewusst, die Schüler in Konzerten mit klassischer Musik und mit hochprofessionellen Musikern in Kontakt zu bringen. Wenn Laien und Profis miteinander musizieren, dann bringt das einen Kick, ein großes Erlebnis, von dem man lange Zeit profitieren kann.

Frage: Inwiefern?

Antwort: Ganz einfach: Indem man merkt, dass Musik immer vom Augenblick abhängt und die Grenze zwischen Pop und Klassik gar nicht wirklich vorhanden ist. Dass die Übergänge fließend sind. Dass dieses Liveerlebnis so spannend ist, dass diese Grenzen überflüssig werden. Es sind eher Grenzen im Kopf.

Frage: Was zeichnet Ihrer Meinung nach Bad Kissingen als Veranstaltungsort aus?

Antwort: Bad Kissingen hat ein unschlagbares Alleinstellungsmerkmal: Den wunderbaren Max-Littmann-Saal, der völlig zu Recht als der fünftbeste Konzertsaal der Welt bezeichnet wurde. Wir haben hier aber auch eine Lebensqualität. Üblicherweise ist man in den großen Häusern der Welt gleich mitten im Verkehrsgewühl. In Bad Kissingen hören Sie nach dem Konzert die Vögel im Park zwitschern. Die Musik fügt sich ganz zwanglos in dieses sehr entspannte Leben ein. Das sieht vielleicht auf den ersten Blick spießig aus. Aber in einer Welt, in der man ständig von Lärm umgeben ist, ist das ein ganz ganz großer Vorteil.

(Interview: Christiane Gläser, dpa)

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