Sonntag, 28. April 2013 / 09:30 – 10:30 Uhr
SWR-Fernsehen
Konzertmitschnitt (Deutschland 2012) Das Ensemble Gershwin Quartett hat sich nicht nach dem "Rhapsody in Blue"-Schöpfer George Gershwin benannt. Vielmehr wählten die Musiker diesen Namen, weil ihr Primarius der Geiger Michel Gershwin ist. Die "Gershwins" spielen natürlich mit dem Klang ihres populären Namens, der ihnen aber auch Programm ist. Denn George Gershwin hat schon vor Jahrzehnten praktiziert, was man heute "Crossover" nennt. Seine Grenzüberschreitungen zwischen Klassik und Folk, Oper und Blues waren aber keine Modeerscheinung, sondern entsprachen seinem künstlerischen Naturell, das man als undogmatisch und offen beschreiben kann.
Genauso ist den "Gershwins" musikalisches Schubladendenken zwischen E- und U-Musik fremd. Und es spricht Bände, dass sie unter den klassischen Komponisten solche favorisieren, die ebenso dachten: Immerhin schrieb Mozart mit Begeisterung Kontretänze für Faschingsbälle, während Schubert ganze Serien von Ländlern komponierte. Gleiches lässt sich auch von den Komponisten des 20. Jahrhunderts sagen, deren Quartette die "Gershwins" im Gepäck haben: von Astor Piazzolla, dem Vertreter des Tango Nuevo, oder von Heitor Villa-Lobos, der so manche seiner Melodien und Rhythmen den Amazonas-Indianern abgelauscht haben will.
So fügt sich die Zusammenarbeit mit Giora Feidman perfekt ins Bild, gelingt es doch auch ihm mit immer wieder erstaunlicher Mühelosigkeit, die musikalischen Sprachen zu wechseln. "Lang lebe Giora, seine Klarinette und seine Musik. Er schlägt Brücken zwischen Generationen, Kulturen und Schichten, und er tut es mit vollendeter Kunst!", schwärmte kein Geringerer als Leonard Bernstein von dem in New York lebenden Musiker.
Mitverantwortlich für diese Fähigkeit des Überbrückens ist sicherlich Feidmans Biographie. Als Sohn jüdischer Einwanderer aus Bessarabien in Argentinien geboren, wuchs er in einer Musikerfamilie auf. "Fast immer", meint er, "vollzieht sich unsere erste Berührung mit Musik durch eine menschliche Stimme, deren Singen uns beruhigt, uns tröstet, uns fröhlich macht. Für mich waren das die jiddischen Lieder, die meine Mutter für mich sang …" Bliebe noch zu ergänzen, dass er 1956 von Buenos Aires ins Land seiner Väter übersiedelte, um Mitglied des jungen Israel Philharmonic Orchestra zu werden und Anfang der siebziger Jahre nach New York kam. Von hier aus startete er seine Weltkarriere als Solist, als einer der bedeutendsten Interpreten von Klezmer-Musik.
(pt/wa)