Warum Pop und Klassik in Dur und Moll stehen – Musikpsychologe erklärt Musikwahrnehmung neu

19. April 2011 - 06:32 Uhr

Eine Sonate in C-Dur oder eine Symphonie in g-Moll: Die klassische Musik wurde in Dur- und Moll-Tonalitäten komponiert. Bei Popsongs ist es genauso, von Frank Sinatra über die Rolling Stones bis zu Christina Stürmer. Seit Jahrhunderten fragt man sich, wie diese Tonalitäten entstanden sind und was sie so beliebt macht. In einem aktuellen Artikel für die amerikanische Fachzeitschrift "Music Perception" präsentiert ein Musikwissenschaftler nun einen neue Ansatz. Nach Ansicht von Prof. Richard Parncutt von der Universität Graz erklären "fehlende Grundtöne" weitgehend die Struktur der Dur- und Moll-Tonleitern sowie die häufigsten Akkordfolgen im Dur-Moll-System.

Universität Graz

"Die Grundtöne, die wir im Alltag hören, sind oft virtuell", erläutert Prof. Parncutt nach einer Mitteilung der Universität Graz vom Montag. Das heißt, dass ein stimmhafter Laut oder ein musikalischer Ton auch dann wahrgenommen werden könne, wenn dessen Grundton – also die Grundfrequenz, die der wahrgenommenen Tonhöhe entspricht – gänzlich fehle oder durch Hintergrundgeräusche unhörbar sei. Jeder musikalische Akkord enthalte solche "fehlenden Grundtöne".

Wird zum Beispiel ein A-Moll-Akkord angeschlagen (A – C – E), hört man auch die "fehlenden Grundtöne" (D – F) mit. Diese sind zwar real nicht vorhanden, werden aber vom Gehirn gewissermaßen hinzugefügt. Denn A, C und E sind harmonische Obertöne von D. Außerdem sind A und C harmonische Obertöne von F. Dadurch werden D und F doch wahrgenommen, wenn auch unbewusst.

Nach einem Modell des Münchner Psychoakustikers Ernst Terhardt aus den 1980er Jahren lassen sich diese "virtuelle Tonhöhen" für jeden beliebigen Klang systematisch vorhersagen. Die psychologische Realität dieser Tonhöhen und die Gültigkeit seines Modells wurden mehrfach in psychoakustischen Experimenten nachgewiesen.

Parncutt findet hier neue und vielversprechende Antworten auf alte Fragen der Musiktheorie. Diese könnten erklären, warum die Dur- und Moll-Dreiklänge die häufigsten Klänge der abendländischen tonalen Musik sind, warum die Stufen der Dur- und Moll-Tonleitern als unterschiedlich stabil wahrgenommen werden und warum bestimmte Akkordfolgen häufiger vorkommen als andere. Der Wissenschaftler sieht im "fehlenden Grundton" die Möglichkeit, eine neue, wahrnehmungsorientierte Musiktheorie aufzubauen, mit interessanten Anwendungen in der Musikanalyse und der Komposition.

Richard Parncutt: "The tonic as triad", in: "Music Perception", Vol. 28/4 (S. 333-365), April 2011

(wa)

http://www.uni-graz.at/

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