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"Musik an der Schwelle" – Unkonventionelle Perspektiven auf klassisches Repertoire

10. Dezember 2014 - 14:43 Uhr

Hannover (mh) – Bis zur Unkenntlichkeit dekonstruiert, könnten sich Klassik-Kenner über die Werke des Künstlerkollektivs um Projektleiter Toni Ming Geiger und Luis Reichard empören. Wer sich aber auf die Entwicklung neuer musikalischer Erzählweisen im klassischen Kontext einlassen kann, sich nicht mit dem Herunterleiern eines fast schon kanonisch gewordenen Klassik-Repertoires abspeisen lassen will, kann die Rekompositionen von Werken Mahlers, Bergs, Prokofjews, Barbers und Zimmermanns auf der Doppel-CD "Noch:Schon – Musik an der Schwelle" aus einer unkonventionell-extravaganten Perspektive erfahren.

CD-Cover

CD-Cover

Wie ein Sog ziehen die vier Kantaten von Alban Maria Bergs "Sieben Frühe Lieder" den Hörer mit gespenstisch-sphärischen Klangteppichen in einen Sumpf aus Einsamkeit und Morbidität. Durch den melancholisch-malerischen Charakter offenbaren die Rekompositionen eine emotionale Tiefe, die Berg nicht erreicht. Die Schwere der Düsternis droht den Hörer fast zu ersticken.

Die Klimax verzweifelt-depressiver Stimmung evoziert das Künstlerkollektiv mit "Finale", der Rekomposition von Bernd Alois Zimmermann "Sonate für Viola Solo" (1955). Sind die dissonant-spitzen Töne in der Originalaufnahme noch wie einzelne Zeit-Punkte auf einer Kette aufgereiht, verschmelzen die Musiker die Linearität zu einem homogenen Kontinuum, das Zimmermanns Chaospotential immer noch in sich birgt.

Den größten musikalischen Spiel-Raum eröffnet das Künstlerkollektiv mit dem ironisch-lässigen Zugang zu Samuel Barbers "Nuvoletta op. 25" (1947): Mit dem Nicht-Kaschieren-Wollen hörbarer Übergänge und der Wiederholung der Textzeile "and she smiled over herself" wird der Titel zum Programm: Aus dem Scherzo wird ein anspruchsvoller Sprach-Witz mit Hip-Hop-Elementen und eindrücklicher Rhythmik.

Einspielung

Einspielung

Aufgrund der unkonventionellen Arbeitsweise im Klassik-Kontext kann der Fokus nicht auf der Frage liegen, wie viel Mahler, Berg, Prokofjew, Barber und Zimmermann in den rekomponierten Stücken noch zu hören ist. Vielmehr geht es in "Noch:Schon – Musik an der Schwelle" um die Projektion und Konzentration essentieller Emotionen, die den Rekompositionen ihre Basis geben.

(Von Anne Reck)

AMC 301-2
Noch:Schon – Musik an der Schwelle
VÖ: 21.11.2014

Link:

http://www.amc-records.com/nochschon

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