Berlin – Gravierende Hindernisse für die Sanierung der Berliner Staatsoper Unter den Linden waren nach Einschätzung von Experten lange vor Beginn der Arbeiten bekannt. "Es war früh klar, dass wir ein ziemliches Kuddelmuddel im Boden hatten", sagte der Architekt und Gutachter Gerhard Spangenberg am Freitag im Untersuchungsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses zu dem Bauskandal. "Eigentlich wusste jeder, was los ist." Die Details habe man damals allerdings nicht gekannt.
Die marode Bausubstanz und der morastige Untergrund seien immer wieder Thema in den Gesprächen mit den Fachleuten gewesen. Die Senatsbauverwaltung hatte den Architekten beauftragt, Varianten für eine Sanierung und die Kosten dafür zu errechnen.
Auch der frühere Technische Direktor der Staatsoper, Klaus Wichmann, sagte: "Man hätte es wissen können." Bereits seit 1927 seien die im Boden versenkten Holzpfähle der mittelalterlichen Berliner Stadtmauer sowie Holzreste aus der Bauzeit der Staatsoper dokumentiert. Bekannt war auch, dass die Staatsoper stark mit Asbest und Formaldehyd verseucht war. "Je tiefer man in die Materie drang, desto deutlicher wurde das Ausmaß der Schäden", sagte Wichmann. Um überhaupt funktionieren zu können, habe sich das Opernhaus über Warnungen von TÜV und Arbeitsschutz hinwegsetzen müssen.
Beim Bau eines Verbindungstunnels zwischen Opernhaus und dem benachbarten Magazingebäude hatten Arbeiter die Holzreste entdeckt. Die deswegen notwendigen Umbauten durch den Druck des Grundwassers waren einer der Gründe für die jahrelange Verzögerung und die Kostenexplosion.
Vor seinem Ausscheiden 2007 habe er sich gegen ein unterirdisches Magazin ausgesprochen, sagte Wichmann. Daraufhin sei er nicht mehr, wie zunächst vorgesehen, als Sanierungsbeauftragter infrage gekommen – und in den Ruhestand gegangen.
Spangenberg hatte Kosten von 200 Millionen Euro für die aufwendigste der vier von ihm vorgeschlagenen Sanierungsvarianten errechnet. Für Überraschungen habe er einen Aufschlag von zehn Prozent kalkuliert. Die Gesamtsumme habe aber damals das "Vorstellungsvermögen" der Bauverwaltung gesprengt. Nachdem er sein Gutachten vorgelegt habe, sei er nie wieder kontaktiert worden. Die Vorgaben für die spätere Ausschreibung, die das Büro des Architekten HG Merz gewann, nannte Spangenberg "lächerlich".
Nach heutigem Stand liegen die Sanierungskosten bei rund 400 Millionen Euro. Die ursprünglich vorgesehene Bauzeit von drei Jahren ist längst überschritten. Die Staatsoper soll nun 2017 wieder öffnen.
Der Bauskandal soll bis Mitte 2016 aufgeklärt werden. Dafür sollen auch der Regierende Bürgermeister Michael Müller und sein Vorgänger Klaus Wowereit (beide SPD) aussagen. Untersucht werden soll unter anderem auch, warum der ursprüngliche Plan, den Innenraum des Opernhauses modern zu gestalten, fallengelassen wurde. Wowereit hatte sich nachträglich für eine historische Rekonstruktion entschieden.
(dpa/MH)
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