Ballettoper "Les Indes galantes" als feinsinniges, selbstironisches Multikultispektakel

25. Juli 2016 - 12:29 Uhr

München – Flüchtlingstrecks, Zeltstädte, brutale Grenzsicherung auf der einen, Winkewinke-Willkommenskultur auf der anderen Seite. Man kommt an dem Thema derzeit nicht vorbei, auch nicht auf der Bühne des Münchner Prinzregententheaters. Dort hatte am Sonntagabend die selten gespielte Ballettoper "Les Indes galantes" von Jean-Philippe Rameau (1683-1764) Premiere. Die zweite und letzte große Opern-Neuinszenierung der Münchner Opernfestspiele 2016 war ein weiterer, frenetisch umjubelter Erfolg für die erfolgsverwöhnte Bayerische Staatsoper.

"Les Indes galantes"

"Les Indes galantes"

Eine der höfischen Zerstreuung gewidmete Barockoper zum modernen Multikultispektakel zu machen, lag nicht so fern, wie man denken könnte. Zum einen handelt es sich bei Regisseur Sidi Larbi Cherkaoui um einen Belgier mit marokkanischen und flämischen Wurzeln, der um die Welt reist und mit der Compagnie Eastman im Ethno-Schmelztiegel Antwerpen eine internationale Tanztruppe unterhält. Mehr Multikultur geht nicht.

Andererseits geht es bei "Les Indes Galantes" um das Bild, das sich die gebildeten Menschen des 18. Jahrhunderts vom Fremden machten, mal in Gestalt eines gütigen türkischen Paschas, eines blutrünstigen Inka-Priesters oder edler Wilder in der Einöde Nordamerikas. Die Oper besteht aus einem Prolog und vier Teilen, die jeweils in verschiedenen, aus damaliger Sicht exotischen Ländern spielen: der Türkei, Peru, Persien und Nordamerika.

Ethnische Konflikte spielen in der Oper, wenn überhaupt, nur unterschwellig eine Rolle. Es geht um wenig mehr oder weniger als die Liebe in unterschiedlichen Konstellationen nach folgendem Muster: Pascha Osman liebt die christliche Émilie, deren Herz aber Valère gehört, der in einem Sturm an die türkische Küste gespült und versklavt wird. Nach einer dramatischen Begegnung zwischen Osman und Valère verzichtet der Pascha großmütig auf seine Angebetete und schenkt dem Rivalen die Freiheit.

Das Problem des dreistündigen Werkes liegt weniger in der uneinheitlichen Handlung als in seinem Genre. Früher gab es in vielen Opern Ballette; heute werden die entsprechenden Passagen meist gestrichen. Doch was ist eine Ballett-Oper ohne Ballett? Sidi Larbi Cherkaoui packte den Stier bei den Hörnern und kreierte eine neue Form des Opern-Balletts. Alles auf der Bühne war ständig in Bewegung, nicht nur die Tänzer der Eastman-Compagnie, sondern auch der Chor und die Solisten, die selbst zu Tänzern wurden.

Musikalisch alles vom Feinsten

Selbst die Requisiten im großartig minimalistischen Bühnenbild von Anna Viebrock wurden zum Teil der Choreographie. Die Oper spielte erst in einem Klassenzimmer, in dem gerade Erdkundeunterricht gegeben wurde, dann im Völkerkundemuseum, später im schwer bewachten, von einer Drohne kontrollierten Flüchtlingslager. In den Museumsvitrinen kauerten Tänzer und schufen lebende Bilder. Die Vitrinen konnten auf Rollen bewegt und zu Skulpturen arrangiert werden.

Spontane Lacher im Publikum brachte der Auftritt eines katholischen Geistlichen (anstelle des Inka-Priesters) auf einem Hoverboard. Sidi Larbi Cherkaouis Inszenierung sparte nicht mit feinem Humor. Running Gag war ein ständig putzender Tänzer, der ein urkomisches Solo mit einem Wischmop vollführte. Ein (selbst-)ironischer Verweis auf die gesellschaftspolitisch nicht unproblematische Tatsache, dass es viele Migranten wegen mangelnder Ausbildung oft nur in die Putzkolonne schaffen. Am Ende wurde das Bühnengeschehen etwas wuselig. Vielleicht auch das ein Verweis – auf die alte, neue, unübersichtliche Welt der Multikultur.

Musikalisch war der Abend vom Feinsten, was vor allem Ivor Bolton zu verdanken war, der ein Originalklangorchester und den Freiburger Balthasar-Neumann-Chor in nie abreißender Hochspannung hielt. Unter den vorzüglichen Solisten, die fast alle in Doppelrollen zu erleben waren, stachen Anna Prohaska als Phani/Fatime und Lisette Oropesa als Hébé/Zima mit leuchtendem Sopran und nie steril wirkenden Koloraturen hervor.

Bolton war maßgeblich für das Münchner "Barockwunder" unter Sir Peter Jonas, dem Vorgänger des heutigen Staatsopern-Intendanten Nikolaus Bachler verantwortlich. Sir Peter saß selbst im Publikum und konnte beim frenetischen Schlussapplaus hören, dass seine Barock-Gemeinde quicklebendig ist und die in Bezug aufs barocke Opernrepertoire recht mageren Bachler-Jahre bislang gut überdauert hat.

(Von Georg Etscheit, dpa/MH)

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