Pianistin Rachel Kaufman: Spielte das "Casablanca"-Klavier bei der Auktion – "Da habe ich ein bisschen geweint"

17. Dezember 2012 - 10:30 Uhr

Das Klavier aus dem Filmklassiker "Casablanca" wurde vorige Woche bei Sotheby’s in New York versteigert. Bevor das Instrument für über 600.000 Dollar an einen unbekannten Sammler ging, spielte die Pianistin Rachel Kaufman darauf noch einmal "As Time Goes By". Es klingt wie eine gut geplante Idee des Auktionshauses. Doch 48 Stunden vor der Auktion hatte Kaufman noch keine Ahnung von ihrem Engagement, wie sie dem Nachrichtenmagazin musik heute erzählte. (click here for the english version)

musik heute: Was war das für ein Gefühl, auf diesem Klavier zu spielen?

Rachel Kaufman

Rachel Kaufman: Es war ganz zauberhaft, darauf zu spielen, wenn man seine ganze Geschichte kennt und weiß, wie besonders dieser Film für so viele Menschen ist. Es war etwas ungewohnt, auf so einem kleinen Klavier zu spielen (58 Tasten statt der üblichen 88), aber das war schon in Ordnung. Als ich das Lied bei der Auktion beendete, da habe ich ein bisschen geweint, so haben mich die Gefühle überwältigt.

musik heute: Wie wurden Sie von Sotheby’s engagiert?

Rachel Kaufman: Das ist wirklich eine interessante Geschichte: Der Auktion mit dem Klavier war eine längere Versteigerung mit Büchern/Dokumenten/Kunstwerken vorausgegangen, für die ich mich interessierte. Unter anderem wurden illustrierte Briefe vom "Peanuts"-Erfinder Charles Schulz an seine Geliebte angeboten. Ich liebe Schulz' Arbeiten schon lange sowie alle Arten von Cartoons und Comic-Strips. Also bin ich zwei Tage vor der Auktion zu Sotheby’s gegangen, um diese Briefe durchzulesen, bevor sie verkauft wurden. Bei der Gelegenheit sah ich im zweiten Stock das Casablanca-Klavier, von dem ich gar nicht wusste, dass es ebenfalls versteigert werden sollte. Nachdem ich etwa eine Stunde die Briefe studiert hatte, fragte ich einen Mitarbeiter, ob ich das Klavier ausprobieren dürfe, ich sei professionelle Pianistin. Es wurde mir erlaubt, und ich spielte "As Time Goes By" darauf, während ein Mitarbeiter mit mir sang. Nachdem wir uns ein bisschen unterhalten hatten, sagte er so etwas wie "Wäre es nicht großartig, wenn Sie bei der Auktion auf dem das Klavier spielen würden?" Da war ich total begeistert. Und der Rest ist Geschichte …

musik heute: Wann war das?

Rachel Kaufman: Bei den Schulz-Briefen war ich Mittwoch Nachmittag. Aber dass ich bei der Auktion spielen würde, wurde erst Donnerstag um 17:30 Uhr bestätigt, weniger als 24 Stunden vor der Auktion. (Anm. d. Red.: Die Auktion fand am Freitag um 11:00 Uhr statt.)

musik heute: Da blieb nicht viel Zeit zur Vorbereitung. Was haben Sie gemacht?

Rachel Kaufman: Zuerst habe ich das Lied meiner Tante am Telefon vorgespielt. Sie sagte, ich solle es romantischer spielen. Dann sah ich mir YouTube-Videos aus dem Film an und studierte, wie es dort gespielt wurde. Außerdem hörte ich mir ein paar andere Versionen im Internet an. Im Laufe des Abends habe ich meine eigene Version mehreren Leuten am Telefon vorgespielt. Am Ende schien es allen zu gefallen, so fühlte ich mich bereit.

Rachel Kaufman

musik heute: Das Instrument klingt etwas verstimmt. Meinen Sie als professionelle Pianistin, dass man es wieder restaurieren kann oder ist es eher ein Dekorationsstück?

Rachel Kaufman: Ich denke, es ist eher ein Dekorationsstück. Dennoch mag ich den verstimmten honky-tonk-Klang. Vielleicht könnte man es stimmen. Da ich nicht wusste, ob das Klavier irgendwelche irreparablen Schäden in seinem Inneren hat, war ich eigentlich sogar überrascht, wie gut es war. Es fühlte sich gut an und hatte einen schönen, hellen Klang.

musik heute: Würden Sie sich das Klavier selbst kaufen?

Rachel Kaufman: Vielleicht, wenn ich Millionär wäre und eine besondere Beziehung zu dem Film hätte. Aber wenn ich eine Menge Geld für ein Klavier ausgeben könnte, würde ich einen großen Bösendorfer oder Steinway kaufen, nichts was so teuer ist wie das Casablanca-Klavier. Wenn ich Millionär wäre, würde ich ein Klavier von Billy Joel oder Elton John kaufen, oder eines, auf dem Fats Waller oder Scott Joplin gespielt haben, denn das sind meine Klavier-Helden.

musik heute: Wo spielen Sie Klavier, wenn Sie nicht bei Sotheby’s sind?

Rachel Kaufman: Meistens arbeite ich als Dirigentin oder Klavierbegleiterin in Musicaltheatern und Cabarets in New York City. Ich habe meine Karriere in Piano Bars und Restaurants in New York begonnen, wo es eine Grundvoraussetzung ist, dass man "As Time Goes By" spielen kann. Ich spiele auch in Kirchen (Klavier und Orgel), auf privaten Partys. Außerdem beherrsche ich etwa 20 andere Instrumente, mit denen ich gelegentlich auftrete.

(Die Fragen stellte Wieland Aschinger.)

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