Joel Shapiro: "Wir bleiben mit unseren Künstlern verbunden" – Gründer des Wettbewerbs European Young Concert Artists

21. August 2012 - 10:41 Uhr

Der "Young Concert Artists Auditions"-Wettbewerb (YCA) wird in den USA seit 1961 ausgetragen. Bis heute wird die Non-Profit-Organisation von ihrer Gründerin Susan Wadsworth geleitet. Einer der Gewinner der ersten Ausgabe war der Pianist Joel Shapiro. 1994 kam er als Professor für Klavier an die Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" Leipzig, deren Prorektor er später wurde. In Zusammenarbeit mit dem Hochschulrektorat fasste er den Entschluss, den YCA-Wettbewerb in die Hochschule zu bringen.

Wadsworth, Shapiro

Im Interview mit dem Nachrichtenmagazin musik heute hat Prof. Shapiro die Hintergründe dazu erläutert. Auch Ms Wadsworth äußerte sich zu zwei Fragen.

musik heute: Was hat Sie dazu bewogen, den YCA nach Europa zu bringen?

Joel Shapiro: Anfang 1994 fand ich in der Hochschule ausgezeichnete Studierende und engagierte Kollegen und Kolleginnen vor, aber verständlicherweise einen Mangel an Internationalität. Es war wichtig, dass unsere Instrumentalisten Erfahrung mit den besten jungen Musikern aus vielen Ländern machen könnten.

Der zweite Hauptgedanke galt Osteuropa. Es war zu der Zeit aus finanziellen Gründen fast unmöglich für junge Musiker, aus den großen, traditionsreichen Musikländern Osteuropas in den Westen zu reisen. Am Anfang übernahm YCA alle Gebühren und bot dazu kostenlose Klavierbegleitung und Unterbringung an. Der Andrang war lebhaft. Heute, mit der Entwicklung in Osteuropas, ist glücklicherweise dieser Grad der Unterstützung nicht mehr nötig. Letztlich dachte ich auch, dass die Ideen und Grundsätze von YCA noch mehr als bisher in Europa bekannt sein sollten. Dies ist uns gelungen.

musik heute: Wie wurde Ihre Idee in Leipzig aufgenommen?

Joel Shapiro: Die Hochschule und ihre Leitung setzten sich enthusiastisch dafür ein, die Räumlichkeiten boten die allerbesten Voraussetzungen für die Durchführung und ich war sicher, dass die Stadt Leipzig eine große Anziehungskraft auf die Teilnehmer/innen und die Jury haben würde.

Maestro Kurt Masur hat uns auch das Gewandhaus für unsere Finalrunde kostenlos zur Verfügung gestellt und saß einige Male selbst, viel Zeit dafür opfernd, in der Jury. Das Gewandhaus war uns sehr wichtig, da der Große Konzertsaal der Hochschule erst in der Planung stand. Auch die Stadt hat kooperiert. Oberbürgermeister Dr. Hinrich Lehmann-Grube übernahm die Schirmherrschaft und begrüßte das Publikum beim Preisträgerkonzert.

musik heute: Wie haben sich die Teilnehmerzahlen seit 1994 entwickelt?

Joel Shapiro: 1994 haben wir 34 Teilnehmer/innen zugelassen und drei Gewinner ausgewählt. 2012 haben sich fast 200 Bewerber aus 40 Ländern trotz der hohen Anforderungen angemeldet. 125 Kandidaten, einschließlich sechs Streichquartette, wurden zugelassen. Wir legen Wert darauf, für fast alle Soloinstrumente offen zu sein, da die Gewinner in YCA-Konzerten in den ganzen Vereinigten Staaten auftreten, einschließlich in den New York City und Washington, D.C, Young Concert Artist-Reihen.

musik heute: Warum findet der Europäische YCA seit 2003 nur noch alle zwei Jahre statt?

YCA Leipzig 2010

Joel Shapiro: Als das Interesse für die Audition wuchs, wurden die Anforderungen der jährlichen Durchführung allmählich zu viel. Besonders die Bekanntmachung nahm große Dimensionen an. Aus mehreren Gründen, auch sprachlich, war YCA-New York nicht in der Lage dabei mehr als begrenzt auszuhelfen. Wir dachten auch, dass es kein Problem für die Kandidaten bedeutet (die Altersgrenze ist 26 Jahre, 28 für Gesang und Streichquartett), womöglich ein Jahr auf die Teilnahme warten zu müssen.

musik heute: Gibt es Unterschiede im Ablauf der Wettbewerbe in Leipzig und New York?

Joel Shapiro: New York erhält meist die doppelte Zahl an Anmeldungen. Allerdings ist die Teilnahme per CD und Video dort für die Vorrunde erlaubt, während in Leipzig alles "live" stattfindet. Die European Auditions sind eine eigenständige Veranstaltung mit eigenen Preisen und Preisträger-Konzerten, einschließlich seit 1994 beim Usedomer Festival, aber bieten auch eine Zulassung zu den Finalrunden in den weltweiten Auditions in New York, mit Übernahme der Flugkosten und Unterkunft dort für alle Leipziger Gewinner. Über die Jahre machen unsere Preisträger eine ansehnliche Prozentzahl der Gewinner in New York aus.

musik heute: Sehen Sie Unterschiede bei den Musikern, die sich in Leipzig oder in New York bewerben?

Joel Shapiro: Ich bin oft Jurymitglied in New York gewesen und sehe keine Unterschiede, außer geographischen, zwischen den Kandidaten in beiden Städten. Young Concert Artists führt seit einigen Jahren Konzertwochen in Tokyo und Beijing durch. 2012 bestand die Hälfte der Solisten in diesen Festivals aus Gewinnern der Leipziger "Auditions".

musik heute: Sind weitere Ableger des YCA in anderen Städten geplant?

Joel Shapiro: Nein.

musik heute: Sie sind als Pianist 1961 selbst einer der Gewinner beim ersten YCA gewesen. Wie haben Sie den Wettbewerb damals erlebt?

Prof. Joel Shapiro

Joel Shapiro: Es war das allererstes Jahr und es gab keinen Wettbewerb. Die Mitglieder wurden von Susan Wadsworth, unter Einbeziehung viele Ratschläge von bedeutenden Musikern, ausgesucht. Frau Wadsworth, die eine einmalige Stelle im Musikleben der USA einnimmt, hat auch ein einmaliges Gespür für junge Virtuosen, die Bedeutendes mitzuteilen haben.

Die erste Konzertreihe fand in einem Café in Greenwich Village statt, das für den Konzertabend seinen Betrieb vorübergehend einstellte. Es herrschte eine wunderbare Stimmung. Unter den Mitgliedern dieses ersten Jahres waren Shmuel Ashkenasi und Richard Goode. Kurz danach kamen Murray Perahia und Pinchas Zukerman dazu. Danach hat sich YCA sehr schnell etabliert und wurde in den führenden Konzertsälen heimisch.

musik heute: Wie hat sich der YCA in den 50 Jahren verändert?

Joel Shapiro: YCA ist nun überall bekannt, die Bewerber kommen aus aller Welt nach New York und Leipzig. Die für die Preisträger vermittelten Konzertauftritte haben sich enorm vermehrt, YCA-Künstler sind nicht aus dem amerikanischen Konzertleben wegzudenken. Es gibt YCA-Meisterklassen und Workshops für junge Musiker überall wo YCA-Künstler auftreten, die jährlich 50.000 Studierende erreichen. Und sehr wichtig, denke ich, ist seit 2000 der YCA-Wettbewerb für junge Komponisten, mit Preisen, Aufträgen und Mitarbeit mit YCA-Instrumentalisten.

Susan Wadsworth: Die Musikwelt hat sich seit 1961, als YCA begründet wurde, sehr geändert. Sie war damals übersichtlicher, man fand sich leichter zurecht. YCA, als eine gemeinnützige Organisation, von Privatstiftern finanziert, zögerte sogar aus Kostengründen, Ferngespräche zu führen und Post abzuschicken. Nun gehen per Mausklick hunderte "personalisierte", aber doch an sich identische, Briefe in alle Welt.

In den ersten Jahren haben wir Auditions, Management, Konzertreihen und Fund-Raising mit vier Mitarbeitern geschafft. Nun hat YCA vierzehn Mitarbeiter im Büro und ein "Advisory Board" mit führenden Musikpersönlichkeiten, das aktiv unseren Tätigkeiten folgt. Wir veranstalten ausgedehnte Konzertreihen in New York City, Washington, Tokio und Peking in vollen Sälen. Wir arrangieren Aufführungen für die YCA-Komponisten. Programme, in denen sich YCA-Künstler in Schulen präsentieren und Kontakt zu jungen Leuten suchen, haben zugenommen. Natürlich haben sich dadurch unsere Ausgaben sehr vermehrt. Immer mehr Zeit wird dem Fundraising gewidmet.

musik heute: Wie hat sich aus Ihrer Sicht das Umfeld für junge Musiker verändert?

Susan Wadsworth

Susan Wadsworth: Es gibt weltweit viel mehr außerordentliche junge Musiker, zudem aus Asien, als bei unseren Anfängen, und der Wettbewerb um Konzertverpflichtungen ist enorm. Die größten Konzertvertretungen suchen oft jüngere Musiker als früher, noch Teenagers, und bieten Verträge an. Manche schaffen den Durchbruch, aber mehr versinken nach ein paar Jahren in die Unbekanntheit. Wir versuchen, unsere Künstler stetig heranzubringen und bleiben ihnen auch verbunden, nachdem wir sie nach einem drei- bis fünfjährigen Aufbau an kommerzielle Vertretungen weitervermitteln.

Manche junge Musiker nehmen ihr Glück in die eigenen Hände, suchen ungewöhnliche Auftrittsorte und kollaborative Möglichkeiten. Das Internet hat hier eine Hauptrolle gespielt, zusammen mit der Möglichkeit, problemlos Aufnahmen in professioneller Qualität selber zu machen. Ich denke, dass Eigeninitiative, auch wenn eine Unterstützung durch YCA oder andere Vertretungen und Institutionen vorhanden ist, immer wichtiger wird. Wettbewerbe spielen natürlich eine bedeutende Rolle, nur hat die Anzahl und Häufigkeit dieser Veranstaltungen so zugenommen, dass nur die berühmtesten die Möglichkeit (und nicht mehr als das) einer nachhaltigen Wirkung bieten.

musik heute: Wie unterscheidet sich der YCA von anderen Musikwettbewerben?

Joel Shapiro: Die YCA Auditions sind ungewöhnlich menschlich, besonders weil die Teilnehmer nicht gegeneinander gewertet werden und die Anzahl der "1. Preise" nicht begrenzt ist. Außerordentliche Begabung, Virtuosität, Individualität und Eignung für eine Konzertkarriere sind die Kriterien. Man erlebt daher, dass die Teilnehmer ihre Mitspieler – sie sind also nicht Konkurrenten – wärmstens unterstützen, ohne eigene Nachteile zu befürchten.

(Die Fragen stellte Wieland Aschinger.)

Mehr zum Thema:

Europäischer Wettbewerb “Young Concert Artists” 2012 in Leipzig

Links:

http://www.hmt-leipzig.de/
http://www.yca.org/

 

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