Mehr als ein Klagelied: Dresdner Sinfoniker mit Konzerten 100 Jahre nach dem Völkermord an den Armeniern

27. November 2015 - 08:00 Uhr

Berlin/Dresden – Ob Anatolien, das Westjordanland oder Mittelasien – immer wieder reisen die Dresdner Sinfoniker als musikalische Botschafter zu politisch brisanten Schauplätzen. Ihr neues Konzertprogramm widmen die international besetzten Sinfoniker dem Genozid an den Armeniern vor 100 Jahren. Am (heutigen) Freitag hat "Aghet" Premiere in Berlin.

Aghet

Aghet

"Die Dresdner Sinfoniker wollen mit ihrem Konzert ein Zeichen der Versöhnung setzen", sagt Intendant Markus Rindt. Das Wort agit stehe im Türkischen für ein Klagelied. Aghet (Katastrophe) sei dagegen ein Ausdruck, mit denen Armenier das Jahr 1915 in Verbindung bringen. Die Idee zum Konzert stammt vom deutsch-türkischen Gitarristen Marc Sinan (39). Seine Großmutter offenbarte erst spät das Geheimnis ihrer armenischen Wurzeln. Als Sechsjährige war sie die Einzige ihrer Familie, die den Völkermord überlebte. Großmutter Vahide Akman ist das Konzert-Projekt gewidmet.

Der Völkermord begann mit Verhaftungen armenischer Intellektueller in Istanbul. Später folgten Deportationen und Vernichtung. Nach Schätzungen fanden zwischen 800.000 bis 1,5 Millionen Angehörige der christlichen Minderheit im Osmanischen Reich den Tod. Die Türkei als Nachfolger sieht bis heute im Begriff Völkermord eine ungerechtfertigte Anschuldigung.

Bei dem Premierenkonzert werden zwei Werke erstmals zu hören sein. "Notes from the Silent One" schrieb die türkische Komponistin Zeynep Gedizlioglu für ein Streichorchester. Der Deutsche Helmut Oehring ist mit dem Stück "Massaker, hört ihr Massaker!" vertreten – ein Werk für Gitarre und Stimme sowie einen zwölfstimmigen Frauenchor und ein Streichorchester. Komplettiert wird das Konzert mit einer Komposition des Armeniers Vache Sharafyans.

Die Dresdner Sinfoniker, die sich aus Musikern namhafter europäischer Orchester rekrutieren, verstärken sich mit Kollegen aus der Türkei, Armenien und Mitgliedern des No Borders Orchestras aus den Staaten des früheren Jugoslawien. Es entstand 2012 gleichfalls als Projekt der Versöhnung. Die musikalische Leitung hat Andrea Molino. "Wir schauen in die Zukunft", sagt Rindt. Der Rückblick auf 100 Jahre Völkermord soll zugleich der Beginn eines Dialogs sein.

Dafür haben sich die Sinfoniker ein Begleitprogramm ausgedacht. Das Konzert wollen sie 2016 nicht nur in Dresden, Belgrad und Istanbul wiederholen, sondern auch in der armenischen Hauptstadt Jerewan. Das erfordert jede Menge logistische Planung. Obwohl Armenien und Türkei eine gemeinsame Grenze besitzen, ist diese seit mehr als 20 Jahren nicht passierbar. Wer nach Armenien will, muss einen Umweg über Georgien machen.

Eine Fotoausstellung zum Thema Flucht und Vertreibung mit Arbeiten der Fotojournalisten Christoph Püschner und Frank Schultze gehört gleichfalls zum Programm. In Dresden sind zwei Gymnasialklassen beteiligt. Sie erarbeiten ein Theaterstück nach dem Buch "Die vierzig Tage des Musa Dagh" von Franz Werfel, das den Genozid zum Inhalt hat. Auch Dresdner Flüchtlingsheime sollen dabei eingebunden werden. "Denn das Thema von damals ist auch heute wieder aktuell", sagt Rindt.

(dpa/MH)

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http://www.dresdner-sinfoniker.de

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