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Mittlerin zwischen Film und Musik: Restauratorin Anke Wilkening nutzte für "Metropolis" den Original-Soundtrack

26. Mai 2011 - 21:19 Uhr

Es war die Sensation der 60. Berliner Filmfestspiele 2010, als der Filmklassiker "Metropolis" in einer fast vollständigen Fassung Premiere feierte. Von einem "Stummfilm" will die Restauratorin Anke Wilkening dabei gar nicht unbedingt sprechen: "Denn es gibt ja eine Musik, die extra dafür konzipiert worden ist." Wegen dieser starken Verbindung von Bild und Ton war es für das Restauratoren-Team naheliegend, die Original-Komposition für ihre Arbeit zu nutzen. "Und diese Zusammenarbeit zwischen Musikseite und filmhistorischer Seite war schon etwas Besonderes", sagt sie.

Restauratorin Anke Wilkening (Bild: Murnau-Stiftung)

Dabei war der Fall "Metropolis" für Anke Wilkening und die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung eigentlich im Jahr 2001 schon abgeschlossen, wie sie im Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin musik heute erklärt. In jahrelanger Kleinarbeit hatten Archivare und Historiker verschiedenste Versionen des Films aus der ganzen Welt zusammengetragen. Daraus schufen die Restauratoren eine Zwei-Stunden-Fassung, etwa drei Viertel der ursprünglichen Premierendauer. "Metropolis" wurde sogar in das Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommen – als erster Film überhaupt und bisher einziger deutscher Film. Doch 2008 tauchte am anderen Ende der Welt – in Argentinien – eine Kopie auf, die zweieinhalb Stunden lang sein sollte.

"Zunächst waren wir natürlich skeptisch", sagt Anke Wilkening. "Es passiert immer wieder mal, dass Leute uns eine vermeintlich längere Version von 'Metropolis' anbieten. Meist haben sie eine DVD mit anderer Laufgeschwindigkeit und daher größerer Minutenzahl." Als sie aber den Film sah, den Paula Félix-Didier vom Museo del Cine in Buenos Aires nach Berlin gebracht hatte, wich ihre Skepsis: "Schon nach den ersten Minuten erkannten wir, dass es neue Szenen gibt", erinnert sie sich. "Aus verschiedenen Dokumenten vom Drehbuch über Filmkritiken und Standfotos bis zu den Zensurkarten wussten wir, an welchen Stellen Bilder fehlten. Aber nun konnten wir sie zum ersten Mal tatsächlich sehen."

(Bild: Warner Bros.)

Schnell wurde die ganze Bedeutung des Fundes klar und entschieden, "dass man sofort reagieren muss". Ein ehrgeiziger Plan wurde aufgestellt: Die restaurierte Fassung von "Metropolis" sollte zur 60. Berlinale im Februar 2010 Premiere feiern. "Das war ein sehr enges Zeitfenster von nur etwas mehr als einem Jahr", erklärt Anke Wilkening. Und eigentlich arbeitete sie zu der Zeit gerade an einem anderen Fritz-Lang-Klassiker, nämlich "Die Nibelungen" von 1924. Der sollte im April 2010 starten. "Aber 'Metropolis' hatte natürlich einen gewissen Vorrang. Wir haben umgehend alles in Bewegung gesetzt und uns mit unseren Partnern verständigt." Das waren neben dem Museo del Cine die Deutsche Kinemathek, von der Martin Koerber schon 2001 mitgearbeitet hatte, und ZDF/ARTE, die die Produktion der Musik übernahmen.

Ein enger Zeitplan

Wenn Anke Wilkening an einem Film arbeitet, recherchiert sie zunächst nach erhaltenen Originalmaterialien. Vor allem geht es ihr um Kameranegative und Vorführkopien aus der Zeit, in der der Film ins Kino kam. "Das deutsche Filmerbe ist über die ganze Welt verstreut. Ich frage also in allen möglichen Archiven an. Auch ausländische Fassungen können relevant sein." Dadurch versucht sie zu erfahren, wie der Film ursprünglich ausgesehen hat. Am Betrachtungstisch kontrolliert sie dann den technischen Zustand der erhaltenen Materialien und entscheidet, welche für eine Restaurierung verwendbar sind. Anschließend zieht die studierte Filmwissenschaftlerin technische Dienstleister hinzu und gemeinsam analysieren sie das Material erneut.

(Foto: Murnau-Stiftung / Museo del Cine Pablo C. Ducros Hicken)

"Der Zeitplan für 'Metropolis' war eigentlich nur deshalb einzuhalten, weil diese Arbeit bereits bei vorangegangenen Restaurierungen durch mehrere Generationen von Archivaren geleistet worden war. Da konnten wir auf viel Erfahrung aus den vergangenen Versuchen, 'Metropolis' zu restaurieren, zurückgreifen", berichtet Anke Wilkening. "Das war ja bereits der vierte Restaurierungsversuch. In den 1980er Jahren hat das Filmmuseum München erstmals eine Kritische Edition vorgelegt. Dort wurden fehlende Szenen mit erklärenden Texttafeln kenntlich gemacht. Und basierend auf der Arbeit von 2001 folgte im Jahr 2005 noch eine Studienfassung durch die Universität der Künste in Berlin. Dabei haben sie erstmals die komplette Musik auf zwei Klavieren erstellt und das Bild dazu angelegt. Auf all diese Restaurierungsansätze und die Arbeit vieler Menschen konnten wir nun aufbauen."

Mit der Musik zum Film

Oft wird bei Stummfilmen zuerst der Film restauriert und danach an der Musikfassung gearbeitet. Bei "Metropolis" konnte aber beides parallel geschehen. Das war möglich, weil Gottfried Huppertz dafür eine eigene Musik komponiert hatte. "Bei einem Film dieser Größenordnung kamen die sonst üblichen Kompilationen aus vorhandenen Musikstücken nicht in Frage", erklärt Anke Wilkening. "Die große Besonderheit ist, dass der Komponist Gottfried Huppertz schon in der Vorbereitungszeit des Films sehr stark involviert war. Er war Teil des künstlerischen Teams aus Regisseur, Drehbuchautorin und Architekten. Aus dem überlieferten Notenmaterial wissen wir, dass Huppertz schon während der Dreharbeiten an der Komposition gearbeitet hat."

Die Klavierdirektionsstimme war die einzig erhaltene Quelle der Premierenfassung. "Damit hatten wir also einen musikalischen Ablauf dieser Version. Den wollten wir nutzen, um die argentinische Fassung zu überprüfen. Dazu war natürlich jemand notwendig, der nicht nur Noten lesen, sondern die Musik auch interpretieren kann. Da war es einfach naheliegend, dass bei der Rekonstruktion der Montage Film- und Musikexperten zusammenarbeiten." So kam der Dirigent Frank Strobel mit ins Team, der mit der Rekonstruktion und Synchroneinrichtung der Musik von Gottfried Huppertz befasst war. Er erstellte auf Grundlage der Noten im Computer eine Sampleraufnahme. "Dadurch saßen wir nicht nur über dem gedruckten Notenauszug, sondern hatten eine Hörprobe. Am Schnittplatz konnten wir dann sehen und hören, wie das Bild in Relation zur Musik funktioniert."

Partitur-Ausschnitt (Bild: Filmmuseum Berlin – Deutsche Kinemathek)

Entscheidend dabei war der deskriptive Charakter der Musik, wie Anke Wilkening erklärt: "Huppertz arbeitet stark mit der Leitmotivtechnik, das heißt, die einzelnen Charaktere und Themen im Film haben ein eigenes musikalisches Motiv. Wenn zum Beispiel 'Der Schmale' im Bild zu sehen ist, dann hört man das auch in der Musik." So gibt es ganze Bewegungsabläufe im Film, die sich in der Musik wiederfinden. "Außerdem hat Huppertz in seine Partitur über 1000 Synchronangaben geschrieben, wie 'Explosion!' oder den Namen einer Figur, wenn diese auftritt. Daran konnten wir uns ebenfalls orientieren."

Wie oft sie "Metropolis" inzwischen gesehen hat, kann Anke Wilkening gar nicht sagen. "Aber man schaut sich ja nicht immer den kompletten Film an, sondern einzelne Szenen und Bilder. Bei der Rekonstruktion der Montage haben wir gelegentlich einen halben Tag mit einer Minute Film zugebracht." Neben der Wiederentdeckung mehrerer kompletter Szenen liegt der Gewinn in vielen Fällen im Detail: "Selbst einzelne Einstellungen präzisieren die wirkungsvolle Montage. Manchmal sind es allein die Gesten eines Darstellers, die im Zusammenspiel mit der Musik zur Dramatik beitragen", meint Anke Wilkening und nennt ein Beispiel: "In der Szene 'Raum der Hel' zeigt Rotwang in einer Einstellung Fredersen kurz seine künstliche Hand. In der argentinischen Fassung war diese Aktion vollständiger als in dem uns bekannten Material. Und in der Musik wird das Präsentieren der Hand auch betont." An so einer Stelle haben die Editoren dann sogar das qualitativ schönere Filmmaterial gegen das beschädigte, aber inhaltlich besser erhaltene ausgetauscht. "Denn wir waren der Meinung, dass das inhaltlich – gerade im Zusammenspiel mit der Musik – wichtig ist", erklärt sie.

Frank Strobel, Martin Koerber, Anke Wilkening (Foto: CHL)

Zwei Wochen vor der geplanten Premiere auf der Berlinale 2010 wurde die Restaurierung von "Metropolis" fertiggestellt. Die Aufführung im Berliner Friedrichstadtpalast war dann auch für Anke Wilkening ein ganz besonderes Erlebnis. "In dem Moment war ich schon erleichtert, dass wir alles geschafft hatten", sagt sie. "Und natürlich habe ich mich gefreut, den Film auf der großen Leinwand zu sehen." Als der Klassiker vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter dem Dirigenten Frank Strobel begleitet wurde, waren Musik und Film endgültig wieder miteinander verbunden.

(Von Wieland Aschinger)

METROPOLIS (DE 1927/2010) in der restaurierten Fassung der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

http://www.murnau-stiftung.de

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