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Julia Piu: "Ballett in 60 Minuten" – Vorhang auf für ein kleines Handbuch zum großen Thema Ballett

12. Februar 2015 - 08:00 Uhr

Starnberg (mh) – Mit ihrem kleinen, praxisnahen Buch führt die ausgebildete Tänzerin, Romanistin und Literaturwissenschaftlerin Julia Piu den Leser im grand jeté munter durch die Welt des klassischen Tanzes. Studiert hat sie an der Berliner Ballettschule ihrer Mutter Anita Barth, die auf eine beachtliche Tanzkarriere zurückblicken kann und bis heute erfolgreich unterrichtet.

Buchcover

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Auch dieses Büchlein hat durchaus pädagogischen Charakter mit hohem Unterhaltungswert. In erster Linie will es informieren und eine Öffentlichkeit für den Tanz herstellen: Über den klassischen Tanz und dessen Herkunft, welche Ausbildungsmöglichkeiten es gibt und welche beruflichen Perspektiven sich ergeben, auch nach der aktiven Zeit. Natürlich schaut die Autorin hinter die Kulissen, zum Beispiel in den Ballettsaal. Sie beschreibt, wie es dort zugeht, welche körperlichen und mentalen Eigenschaften ein Tänzer oder eine Tänzerin mitbringen muss.

Dass der Mikrokosmos "Ballettsaal" zu Sozialstudien verleitet, liegt in der Natur der Sache. Tänzer, die auf dem Weg ständig an sich arbeiten und feilen, haben selbstverständlich auch ihre Konkurrenz immer im Blick. Pius detaillierte Beschreibung der "Kleiderordnung" ist ebenso lehr- wie abwechslungsreich. Auch das Thema Gewichtskontrolle bei Tänzern nimmt in dem Buch einen "gewichtigen" Platz ein, wie den Beobachtungen der Autorin zu entnehmen ist. Mehr wird an dieser Stelle nicht verraten. Nur so viel, dass Kurvendiskussionen da keinen Platz haben sollten, oder etwa doch?

Ballett ist mehr als Disziplin, präzise Technik, Ausdruckskraft und Freude. Es bedeutet auch die kreative Auseinandersetzung mit der allgemeinen Geschichte und der des Tanzes, die immer wieder in den Libretti Einzug hält. Für den Zuschauer eines Ballettabends gibt die Autorin Hilfestellungen zum Aspekt der Geschichte(n) der "Ballettdrehbücher". Zum besseren Verständnis der Handlung verschiedener Ballette zeigt Julia Piu inhaltliche Parallelen auf: In vielen klassischen Balletten geht es um Liebe, Tod, um Standesunterschiede und politische Geschichte. Befasst man sich mit den Epochen des Tanzes, so wird deutlich, dass das klassische Ballett in seiner Symmetrie und Formenstrenge die Grundlage anderer, modernerer Tanzformen wie Jazz, Modern, Step bildet. Das klassische Ballett erlebt außerdem im Neoklassizismus bei Balanchine seine Renaissance.

Der Wahl des Buchtitels "Ballett (und nicht allgemein: Tanz) in 60 Minuten" ist daher nicht zufällig gewählt. In kaum mehr als 60 Minuten lesbar bekommt der Leser von einer Insiderin überblicksartig vielfältige Einsichten in die komplexe Ballettwelt vermittelt, die nicht nur dem allgemeinen Ballettverständnis als Vor- oder Nachbereitung eines Ballettbesuches dienen, sondern den Beruf des Tänzers einer breiten Öffentlichkeit nahebringen sollen. Vor diesem Hintergrund, mit dem inspirierenden Blick hinter die Kulissen des Balletts wird es sicherlich viele Leser geben, die neugierig geworden sind, tiefer in die Materie des Tanzes einzusteigen, sei es als Konsument, als Hobbyballettler oder als Profitänzer. DVD- und Literaturempfehlungen am Ende des Buches runden das Werk ab. So hübsch, informativ und handlich der Leitfaden ist – ein kleines Bändchen mit Spitzenschuh als Lesezeichen wäre doch eine willkommene Zugabe für begeisterte Ballettleser.

(Von Sabine Kippenberg)

Julia Piu:
Ballett in 60 Minuten
mit einem Vorwort von Kiki Lammersen
Thiele Verlag, Berlin 2014
112 Seiten durchgehend zweifarbig
Gebunden
ISBN: 978-3-85179-283-6
8,- EUR

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