Leidenschaftlich in Musik vereint: Alma und Gustav Mahler

28. August 2016 - 13:30 Uhr

Eltville (MH) – Zum Abschluss des 29. Rheingau Musik Festivals erklangen am Samstagabend musikalische Szenen einer konfliktreichen Künstlerehe. Yannick Nezét-Séguin mit dem Rotterdam Philharmonic Orchestra und die Mezzosopranistin Sarah Connolly präsentierten im Kloster Eberbach sechs spätromantische Orchesterlieder von Alma Mahler sowie Gustav Mahlers 10. Sinfonie in Fis-Dur, die "Unvollendete". Mit Ovationen und trampelndem Applaus schloss ein erfolgreicher Musiksommer im Rheingau.

Sarah Connolly, Yannick Nezét-Séguin

Sarah Connolly, Yannick Nezét-Séguin

Sicher hätte sich die begabte Alma Mahler das gewünscht: Ihre Werke gemeinsam mit denen des berühmten Ehemanns am selben Abend aufgeführt zu sehen. Daraus wurde zu ihren Lebzeiten allerdings nichts. War sie doch auf Gustav Mahlers Forderung nach Kompositionsverzicht in ihrer zukünftigen Ehe allzu kampflos eingegangen. Über die Gründe wird bis heute spekuliert. Unzweifelhaft ist, neben der einschüchternden Dominanz des 20 Jahre älteren Mahler, ihre große, beeindruckende, kompositorische Begabung. Ob ihr aber nur der Mut genommen wurde, oder ob ihr zudem Opferbereitschaft und schlicht die Lust fehlte, ihre eigene Kreativität energisch weiter zu verfolgen, lässt sich nachträglich schwer entscheiden.

Fest steht, dass die schillernde Wiener Femme fatale nicht nur Gustav Mahler bezirzte, sondern sich auch in zahllose Affären und Ehen mit Künstlern der damaligen Avantgarde verstrickte. Viel von der elektrisierenden Faszination, die sie auf Kreative ausübte, hat auch Eingang gefunden in ihre sechs, von Sarah Connolly vorgetragenen Orchesterlieder. Von den erhalten gebliebenen 16 Liedern (über 100 hat sie komponiert) erklangen drei aus dem ersten, bereits 1910 noch auf Betreiben des reumütigen Gatten veröffentlichten Zyklus, und drei aus ihrer zweiten Phase um das Jahr 1915.

Connolly traf den spätromantischen Alban-Berg-Ton der ersten Lieder "Die stille Stadt", "In meines Vaters Garten" und das geheimnisvolle "Bei dir ist es traut" mit expansiver Schönheit. Ebenso stilsicher interpretierte sie die drei Stücke der zweiten Serie "Licht in der Nacht", "Waldseligkeit" und "Erntelied". Sie sind fordernder für die Stimme, verlangen einen weiteren Umfang und bestechen mit einem komplexen und vor allem selbständigen Umgang mit den Texten.

Nach der Pause ließ Nézet-Séguin, der diesjährige "Fokus-Künstler" des Festivals, die klangmächtige Klage Gustav Mahlers anheben; seine nie vollendete, todesüberschattete 10. Sinfonie in der restaurierten Fassung von Deryck Cooke. Dem dynamischen Dirigenten gelang ein treibend-romantischer, spannungsreicher, in jeder Hinsicht überzeugender Blick auf das Werk. Vom intensiv anhebenden Adagio des Kopfsatzes bis hin zu den dumpfen Trommelschlägen zu Beginn des Finales, "Der Teufel tanzt es in mir", verstand er es blendend, die Stärken des Rotterdamer Klangkörpers einzusetzen. Laute Jubelrufe beendeten das posthume, musikalische Rendezvous von Gustav Mahler mit seiner "starken Frau" Alma.

(Von Bettina Boyens)

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