Warum klingt Moll traurig? – Die Strebetendenz-Theorie erklärt das Gefühl in der Musik (2/5)

16. April 2013 - 09:04 Uhr

Von Bernd Willimek, Musiktheoretiker, und Daniela Willimek, Dozentin (HfM Karlsruhe)

Die praktische Anwendung der Theorie

Das Grundprinzip der Strebetendenz-Theorie ist zunächst recht einfach: Man nehme einen Akkord und denke sich die traditionellen Beschreibungen seiner "Strebetöne" als entgegengesetzte Willensbestrebungen. Ein Beispiel: Bei einem Durakkord ist nicht das "Fortstreben" seiner Terz das eigentliche Musikerlebnis, sondern vielmehr die Identifikation mit einem Willen, die Terz nicht zu verändern. Um diese Überlegungen im musikalischen Kontext auch differenzierter anwenden zu können, ist im Einzelfall auch die Berücksichtigung vorausgehender und nachfolgender bzw. erwarteter Harmonien notwendig. Im Folgenden soll das Prinzip der Strebetendenz-Theorie anhand einiger ausgewählter Harmonien verdeutlicht werden.

Das heitere Dur – woher kommt es nur…?
Die Durtonika klingt bejahend

Nach übereinstimmenden Aussagen der Musiktheoretiker enthält die Durtonika eine mit geringer Intensität nach oben strebende Terz. Nennen wir sie nun nicht mehr "strebende Terz", sondern sprechen wir von der "Identifikation mit einem Willen gegen die Veränderung der Terz“, so erhalten wir folgendes Ergebnis:

Klingt eine Durtonika, identifiziert sich der Hörer mit einem Willen, der sich mit geringer Intensität gegen eine Veränderung richtet. Emotional können wir diesen Willensinhalt beschreiben als Identifikation mit einem Gefühl des nüchternen Einverstanden-Seins mit dem Gegenwärtigen. Ein Vergleich mit der Beschreibung der Durtonika des Musiktheoretikers Gustav Güldenstein (1888-1972) („Theorie der Tonart“) zeigt, dass eine im Wesen gleiche Beschreibung der Durtonika bereits vor vielen Jahrzehnten formuliert wurde:

"Man könnte als Symbol für die Tonika wählen den aufrecht stehenden Menschen. Er ruht in sich, insofern er nicht nach außen wirkt. Er ist aber doch in Spannung, insofern er ständig die Schwere zu überwinden hat.

Die Durtonika bringt das Gefühl eines nüchternen "Einverstanden-Seins" zum Ausdruck

Auch Güldenstein beschreibt einen Willen, der emotional gesehen einem Gefühl des nüchternen Einverstanden-Seins mit dem Gegenwärtigen entspricht. Dies bestätigen auch verschiedene Musiklexika. So das Ullstein-Musiklexikon, indem es Dur als "bejahend" bezeichnet. Das Moser-Musiklexikon sagt: "Die Unterscheidung, Dur klinge fröhlich, Moll traurig, hat trotz ihrer Urtümlichkeit viel für sich.

Und traurig klingt der Schlussakkord in Moll…
Warum klingt Moll traurig?

Im Moser-Musiklexikon wird das Wesen des Mollakkords als "Molltrübung von Dur" beschrieben. Im Sinne dieser Auffassung der sogenannten Monisten wird die Mollterz nicht als eigenständiges Intervall, sondern als getrübte, der Leittonspannung beraubte Durterz empfunden. Das Ullstein-Musiklexikon bezeichnet den Mollklang in diesem Zusammenhang als "heruntergedrücktes Dur". Wenden wir das Prinzip der Strebetendenz-Theorie auf den Mollakkord an, so wird aus der "heruntergedrückten" Durterz die Identifikation mit einem "heruntergedrückten Einverstanden-Sein". Das Gefühl des Einverstanden-Seins ist nun getrübt zu einem Nicht-Mehr-Einverstanden-Sein.

Die Wirkung der Mollvariante entspricht der Aussage "Ich will nicht mehr". Würde man diese Worte leise sagen, klängen sie traurig; würde man sie laut sagen, klängen sie wütend. Diese Unterscheidung spiegelt sich nun in der emotionalen Wirkung der Mollvariante wider. Wer nämlich einen Mollakkord zunächst leise repetiert und dann langsam immer lauter wird, kann auf eindrucksvolle Weise eine Verwandlung des Ausdrucks von Trauer in Wut erleben. Wie wir noch sehen werden, ergeben sich für das Moll auch andere Ausdrucksmöglichkeiten.

Die traurige Wirkung der Mollvariante ist an dieser Stelle des Schubert-Liedes "Die liebe Farbe" deutlich spürbar und lässt den Hörer das traurige Ende der im Zyklus "Die schöne Müllerin" vertonten Geschichte erahnen

Wenn uns ein Durakkord mit tiefer Betroffenheit erfüllt…
Die Zwischendominante steckt voller Ausdruck

Das Besondere bei Dominantakkorden liegt darin, dass sie nicht nur aus sich selbst heraus wirken, sondern der Hörer darüber hinaus auch einen Auflösungsklang erwartet. Je mehr das der Fall ist, desto weniger identifiziert sich der Hörer mit dem Willensinhalt "Ja, ich will!" und umso mehr mit dem Willensinhalt "Ich will nicht!". Denn ein Ja zum Dominantklang beinhaltet ja zwangsläufig ein Nein zum Auflösungsakkord, wenn der Hörer diesen Akkord voraus erlebt. Auch musikalisch ungeschulte Hörer bewerten ein- und denselben Dominantklang in Abhängigkeit vom erwarteten Auflösungsklang in einer Spannweite von fröhlich bis schmerzlich, selbst wenn sie den Auflösungsklang nicht fachlich benennen können. Zwischendominanten von Mollharmonien bringen seelische Betroffenheit zum Ausdruck. Vom Barockzeitalter bis in unsere Zeit der Popmusik wurden und werden sie als intensiv wirkende Reizharmonien verwendet. Gerne gebrauchte Robert Schumann die Zwischendominante der Tonikaparallele. In den Liedern "Die Lotosblume" (bei den Worten "…ihr frommes Blumengesicht…") und "Dein Angesicht" (bei den Worten "…aus den frommen Augen bricht…") zeigt sich, welchen Ausdrucksgehalt Schumann diesem Klang zuschreibt, bringt er ihn doch jeweils genau an derjenigen Stelle im Lied, in der der bildlich miterlebende Hörer einem leidenden Wesen im Moment höchster Betroffenheit in die Augen schaut.

Im Lied "Die Lotosblume" (op. 25/7) verwendet Robert Schumann die Zwischendominante der Tonikaparallele als Ausdruck starker schmerzlicher Betroffenheit - genau an derjenigen Textstelle, an der der bildlich miterlebende Hörer dem leidenden Wesen in der Vorstellung in die Augen schaut

Auch im Lied "Dein Angesicht" (op.127/2) von Robert Schumann klingt die Zwischendominante der Tonikaparallele in demjenigen Augenblick, in dem der bildlich miterlebende Hörer einer leidenden Person in die Augen schaut

Wenn Durakkorde Trauer tragen…
Die Dominante von Moll klingt traurig wie Moll

Wenn es schon nicht möglich war, eine Erklärung für die Traurigkeit des Moll zu finden, so war der suchende Forscher mit der Tatsache, dass auch Durakkorde traurig klingen können, erst recht überfordert. Traurig kann Dur beispielsweise dann wirken, wenn eine als traurig empfundene Molltonika zu ihrer Dur-Dominante wechselt.

Die Erklärung: Identifiziert sich ein Hörer bei einer Molltonika mit einem Gefühl des Nicht-Einverstanden-Seins und bei deren Durdominante – wie oben erklärt – mit einem Willen gegen den Wieder-Eintritt der Molltonika, dann ergibt sich für die Dominante eine Situation, die – konsequent formuliert – folgendermaßen beschrieben werden muss:
Bei der Dominante einer Molltonika identifiziert sich der Hörer mit einem Gefühl des "Nicht-Einverstanden-Seins mit einer Phase des Nicht-Einverstanden-Seins".

Die Anwendung der Strebetendenz-Theorie auf die Harmoniefolge Molltonika – Dominante führt also zu einer Art Pleonasmus. So erklärt sich, dass der Harmoniewechsel Dominante-Molltonika nur einen emotionalen Gehalt vermitteln kann, nämlich den der Molltonika.

Die dominantischen Durakkorde im zweiten Takt des Vorspiels von "Die liebe Farbe" aus dem Zyklus "Die schöne Müllerin" klingen ebenso traurig wie die Mollharmonien des ersten Taktes, da sie deren emotionale Wirkung übernehmen

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Die Fortsetzung erscheint am Mittwoch, 17. April 2013.

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