Regisseur Bieito schrumpft Ausstattungsoper "La Juive" zum Kammerspiel

27. Juni 2016 - 12:49 Uhr

München (MH) – Der Komponist Fromental Halévy (1799-1862) war ein Meister der Grand Opéra, des alle Sinne des Publikums ansprechenden Musiktheaters. Seine 1835 in Paris uraufgeführte Oper "La Juive" ("Die Jüdin") war ein Renner in ganz Europa. Am Sonntagabend grub die Bayerische Staatsoper das Werk im Rahmen der diesjährigen Opernfestspiele wieder aus, in einer sehr strengen, vielleicht aber auch nur einfallsarmen Inszenierung des diesmal ziemlich zahmen "Skandalregisseurs" Calixto Bieito.

"La Juive"

"La Juive"

Das Todesdrama um die Tochter eines jüdischen Goldschmieds, die einen (verheirateten) Christen liebt und zum Schluss gar Tochter eines Kardinals ist, lebt in der Münchner Produktion von den sängerischen und darstellerischen Qualitäten der beiden Frauengestalten. Aleksandra Kurzak in der Hauptrolle der Rachel und Vera-Lotte Böcker als Prinzessin Eudoxie waren gleichermaßen voneinander abhängige und sich hassende Rivalinnen der hochdramatischen Art. Ihre Duette bildeten die Höhepunkte der Aufführung. Ziel ihrer Wünsche war Leopold, den John Osborn mit ausgesprochen schönem lyrischem Tenor sang. Dem Kardinal de Brogni gab Ain Anger zerrissene Würde.

Bieito ignoriert den historischen Zusammenhang des Stoffs vollständig, reduziert die Kulisse auf eine riesige drehbühnentaugliche Mauer und einige wenige Requisiten. Die Geschichte entwickelt sich aus den Personen und ihren Leidenschaften, Überzeugungen, Vorstellungen, aus Stellungen und Gesten, kaum aus der Bühne. Eine besondere und hier immer wieder unbequeme Vorgehensweise. Halévys "Große Oper" schrumpft auf die Dimensionen eines Psycho-Kammerspiels.

Auf der Bühne passierte oft so wenig, dass das Stück zeitweise durchhängt. Halévys Musik ist dem Genre angemessen, doch nicht so einfallsreich, dass sie die Defizite der Inszenierung ausgleichen könnte. Bertrand de Billy leitete das Bayerische Staatsorchester souverän, nüchtern und ließ sich weder zu besonderer Dynamik noch zu elegischem Ton hinreißen. Insofern passte seine Auffassung zu der kargen und stellenweise herausfordernden Bildsprache samt Videoeinspielung eines Lammes bei der Schächtung in Zeitlupe.

Hohe Erwartungen hatte man an den Interpreten von Rachels Vater. In der Charakterrolle des zwischen Vaterliebe, Religionstreue und Rachepflicht hin- und hergerissenen Eléazar hat Neil Shicoff in Wien seit 1999 Maßstäbe gesetzt. Die Arie am Ende des 4. Akts gehört zu den Paradestücken jedes Tenors. Roberto Alagna wagte hier am Premierenabend gestalterisch nichts. Er seufzte manieriert, führte die Stimme sicher und kraftvoll zu den hohen Bs, ließ aber mit mühsamer Atemtechnik die differenzierten menschlichen Dimensionen vermissen.

(Von Georg Etscheit, dpa, und Martina Kausch/wa)

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